„MS – Meine Spur“: Mit Bewegung gegen kognitive Beeinträchtigungen bei MS

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Die Radfahrgruppe vorm Start am KomMS in der Johannes-Brahms-Straße 9: vordere Reihe v.l. Benno Rehn, Andreas Herber, Klaus Vock, hintere v.l. Reihe Dieter Maaß, Stephanie Woschek und Valentin Vock. (© Sonja Thelen)

Wiesbaden, 20. August 2021. Im Rahmen der am Montag in Kassel gestarteten Aktionswoche „MS – Meine Spur“ ist bis 21. August eine Kerngruppe der Darmstädter MS-Gruppe Radfahrlust mit ihren Liegedreirädern in Hessen mit Stationen in Fulda, Darmstadt, Wiesbaden und Frankfurt unterwegs. Die Aktionswoche ist ein Gemeinschaftsprojekt der „Radfahrlust“ und der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) Landesverband Hessen. Heute machte die Gruppe in Wiesbaden Halt, wo die DMSG Hessen mit dem von ehrenamtlichen Betroffenenberaterinnen betriebenen Kommunikationszentrum (KomMS) vertreten ist. Von dort aus führte eine verbindende Etappe zur DKD Helios Klinik. Die Neurologie der Tagesklinik ist als anerkanntes MS-Zentrum für MS-Patienten aus Wiesbaden und der Rhein-Main-Region eine wichtige Anlaufstelle.

"MS - Meine Spur" macht Halt in Wiesbaden
Die Radfahrgruppe vorm Start am KomMS in der Johannes-Brahms-Straße 9: vordere Reihe v.l. Benno Rehn, Andreas Herber, Klaus Vock, hintere v.l. Reihe Dieter Maaß, Stephanie Woschek und Valentin Vock. (© Sonja Thelen)
"MS - Meine Spur": Pressegespräch in Wiesbaden
Beim Pressegespräch in der DKD Helios Klinik (v.l.): Stephanie Woschek, Mathias Wahl, Benno Rehn, Klaus Vock und Dagmar Spill. (© Sonja Thelen)

Es sind vor allem die unsichtbaren Symptome wie das extreme Müdigkeitssyndrom Fatigue, Konzentrationsstörungen, Gedächtnisschwierigkeiten, eingeschränkte Merk- und Belastungsfähigkeiten unter denen Menschen mit Multiple Sklerose stärker leiden, als zum Teil unter körperlichen Einschränkungen. Das beschrieb Dr. Mathias Wahl (Oberarzt am Fachbereich Neurologie, DKD Helios Klinik Wiesbaden) heute beim Pressegespräch von DKD Helios Klinik Wiesbaden, DMSG Hessen und der Darmstädter Gruppe „Radfahrlust“, als die Radfahrgruppe anlässlich ihrer Tagestour im Rahmen der Aktionswoche „MS – Meine Spur“ Halt in der hessischen Landeshauptstadt machte. Diese „kognitiven Beeinträchtigungen bei der Erkrankung MS sind früher von den Medizinern zu wenig beachtet worden“, sagte Neurologe Wahl: „Es wurde wie schicksalshaft als Begleiterscheinung der Erkrankung von den Ärzten angesehen. Das ändert sich derzeit und wird immer mehr berücksichtigt.“ Im Kontext einer verbesserten medikamentösen Therapie würden die kognitiven Fähigkeiten heute mehr im Fokus der Behandlung stehen, so der Wiesbadener Neurologe. Für Klaus Vock, Gründer und Organisator der Darmstädter MS-Selbsthilfegruppe „Radfahrlust“, waren es vor allem diese unsichtbaren Symptome wie Probleme bei der Wahrnehmung und der Konzentration, die ihn schier verzweifeln ließen, als er vor mehr als 20 Jahren merkte, dass etwas mit ihm nicht stimmt, er sich verändert, aber kein Arzt sagen konnte, was mit ihm los sei. Erst nach Jahren der Odyssee diagnostizierte ein Neurologe in Freiburg als Ursache MS. „Ich bin froh, dass die Neurologie sich da verändert hat und heute die Fachärzte besser über diese kognitiven Probleme Bescheid wissen. Ich hätte das vor 20 Jahren gebraucht“, betonte der 59-Jährige beim Pressegespräch. Zusehends schränkte ihn die MS in seiner Mobilität ein, sodass er ausgerechnet in dieser schweren Lebenskrise seine Leidenschaft, das Fahrradfahren, aufgeben musste. Zufällig entdeckte Klaus Vock auf einer Spezialmesse für sich die Liegedreiräder, auf denen er trotz Gleichgewichts- und Sehproblemen in die Pedale treten kann. Er begann, andere Menschen mit MS für das Radfahren auf drei Rädern zu begeistern, gründete 2008 die „Radfahrlust“, die seit 2011 der DMSG Hessen angeschlossen ist. Bei den sonst alljährlichen einwöchigen Touren sind bis zu 50 Teilnehmer auf Spezialrädern unterwegs und erleben „die Freiheit auf drei Rädern. Für mich ist das immer wieder berührend, wenn Menschen, die glaubten, nie wieder Fahrrad zu fahren, es mit dem Liegedreirad können“, berichtete Vock. Unterstützt werden die Sternfahrten von Herstellern wie HP Velotechnik, Hasebike und Icletta, die für die Touren mehrere Ausleihmodelle zur Verfügung stellen

Wie auch Neurologe Wahl hob Benno Rehn, Geschäftsführer DMSG Hessen, beim Gespräch hervor, dass „Sport und Bewegung einen positiven Einfluss auf die kognitiven Fähigkeiten haben. Ebenso Ernährung und die psychische Stabilität“. Weitere entscheidende Komponenten, um „erfolgreich mit der Erkrankung zu leben, sind die Gemeinschaft wie in der Gruppe Radfahrlust und die Selbsthilfe, um sich gegenseitig zu stützen und zu tragen“. All das sind zudem zentrale Bausteine für „eine gute Lebensqualität – trotz und mit MS“, ergänzte Dagmar Spill, Vorsitzende der DMSG Hessen. Geschätzt 19.000 Menschen mit MS leben in Hessen, „wenngleich die Dunkelziffer deutlich höher ist“, unterstrich die Vorsitzende und erklärte: „70 Prozent davon sind Frauen. MS ist eine weibliche Erkrankung.“

Die DMSG Hessen bietet für Menschen mit MS neben der psychosozialen und sozialrechtlichen Beratung, einem Netzwerk an Selbsthilfe zudem das neue „Funktionstraining bei MS“, das Sportwissenschaftlerin Dr. Stephanie Woschek bei der DMSG Hessen entwickelt und aufgebaut hat. Mit regulären Gymnastikkursen beispielsweise seien Menschen mit MS oft überfordert, berichtete Dr. Stephanie Woschek: „Nach den Übungsstunden sind sie fix und fertig, etwa wegen der lauten Musik, der zu schnellen Abfolge und Erklärungen der Übungen. Das strengt sie extrem an.“ Beim „Funktionstraining für MS“, das es auf Verordnung gibt, stellen sich die geschulten Trainer auf die Bedürfnisse und das Tempo der Teilnehmer ein, zeigen Übungen im Stehen und Sitzen, erklärt Stephanie Woschek: „Daher ist meine Bitte an Neurologen, ermuntert MS-Patienten zu Sport und Bewegung und zu Funktionstraining bei  MS.“ Auch in Wiesbaden gibt es virtuelle Trainingsgruppen, die hoffentlich bald wieder live trainieren würden, und eine Kooperation mit dem inklusiven SV Rhinos.

Weitere Infos: https://www.dmsg-hessen.de/