In der Automobilindustrie arbeiten Techniker und Designer an neuen Projekten

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Dynamic photo, Colour: Kemora grey metallic. Quelle Audi/TRD Media

Schaltstelle: Je nach Konfiguration der Armaturen hat man die Reichweite immer fest im Griff. © Audi /TRD mobil

(TRD/MID) Um den schnellsten elektrischen Audi auf Räder zu stellen, haben die Ingolstädter Autobauer einfach ins VW-Konzernregal gegriffen und den Antrieb des Porsche Taycan herausgeholt. Die Designer stülpten eine aufregende Karosserie darüber und die Techniker stimmten das Gesamtpaket neu ab. Ob es in sich rund ist, hat der Motor-Informations-Dienst (mid) in der Praxis ausprobiert.Keine hohe Zylinderzahl, kein röhrender Auspuff, dafür fast 2,4 Tonnen auf der Waage. Das Gewicht sieht man ihm nicht an, und für die Leichtfüßigkeit sorgen zwei Elektromotoren. Der Audi e-tron GT ist einfach Emotion pur. Man muss sie sich jedoch leisten können.

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Weg des Windes: Design und geschickt verteilte Kanäle balancieren Kühlung und Luftwiderstand intelligent aus. Audi musste das Rad nicht neu erfinden, denn dank des Porsche Taycan war die dazu nötige Technik im VW-Konzern bereits vorhanden. /© Audi/TRD mobil/

Denn spätestens beim Studium der Preisliste wird klar, dass der Audi e-tron GT nicht das Ziel hat, Elektromobilität zu einer Massenbewegung zu machen. Schließlich wechseln vor der Schlüsselübergabe mindestens 101.600 Euro den Besitzer. Und wenn – wie in dem Testwagen – noch ein „bisschen“ Sonderausstattung dazukommt, sind es flugs fast 130.000 Euro.

Mit dem rasanten Stromer zeigt Audi eindrucksvoll, wie im automobilen Oberhaus die Alternative zu einem viertürigen Sportcoupe mit Verbrennungsmotor aussehen kann. Dazu musste Audi das Rad nicht neu erfinden, denn dank des Porsche Taycan ist die dazu nötige Technik im VW-Konzern bereits vorhanden.

Dass der e-tron GT als typischer Audi wahrgenommen wird, ist seinem „Kühler-Gesicht“ auf der dynamisch gezeichneten Außenhaut zu verdanken, die den geduckt rollenden Sportler zu einem echten Hingucker macht. Klar, dass die niedrige Dachlinie zwar der Optik guttut, aber die Alltagstauglichkeit einschränkt. So ist der Einstieg in den knapp geschnittenen Fond für groß gewachsene Personen eine Herausforderung, wenn es nicht zum schmerzhaften Kopfkontakt mit dem Dachholm kommen soll.

Kein k.o.-Kriterium, denn der e-tron GT tritt ja nicht als praxisorientierte Familienlimousine an. Seine Faszination geht von den brillanten Fahrleistungen aus. Denn unter dem sportiven Maßanzug zaubern zwei Elektromotoren 350 kW, das sind nach alter Lesart 476 PS, auf die Straße. Selbst wenn das Strompedal hammerartig zur Bodenplatte gedroschen wird, wirkt das Antriebsduo keineswegs angestrengt und beschleunigt das Schwergewicht aus dem Stand in 4,1 Sekunden auf Tempo 100. Eine Herausforderung für die Nackenmuskulatur der Insassen.

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Erkennungsmerkmal: Das „Gesicht“ des Stromers macht den e-tron GT eindeutig zu einem Audi. © Audi / TRD mobil

Bleibt das Pedal auf der tiefen Position festgenagelt, endet der Geschwindigkeitszuwachs erst, wenn der Tacho 245 km/h anzeigt. Das ist dort, wo erlaubt, zwar machbar, aber mit Blick auf die Reichweite nicht zu empfehlen. Wer sich mit dem Fahrmodus „Comfort“ begnügt, der kommt – ohne deswegen zu bummeln – rein theoretisch immerhin über 400 Kilometer (Werksangabe: maximal 488 km) weit.

Muss bei mäßig gefülltem Akku eine Elektrotankstelle angesteuert werden, empfiehlt sich eine HPC-Zapfsäule, die bis zu 350 kW Ladestrom zuwege bringt. Denn der Audi kann bis zu 270 kW-Strom absaugen, wenn zuvor die Batterie auf die richtige Temperatur gebracht worden ist. Schließlich soll der Ladevorgang zeitlich überschaubar bleiben. Muss der fast leere Akku (Netto-Kapazität 84 kWh, Spannung 800 Volt) bis zu 80 Prozent gefüllt werden, ist eine Tankpause einzuplanen, die mindestens 20 Minuten dauert.

Wieder in Bewegung, überrascht der Audi nicht nur durch seine motorische Kraft. Das Fahrwerk kann absolut mithalten. Die exakte Lenkung und das proper abgestimmte Feder-/Dämpferpaket samt Allradantrieb machen jedes Fahrmanöver zu einer präzisen Aktion. Selbst ein schnelles Ausweichmanöver meistert der e-tron mit seiner Allradlenkung (Aufpreis 1.400 Euro) souverän.

Keine Schwächen leistet sich der eilige Stromer zum Glück auch bei der Bremse. Ihr festes Zupacken hält Motorleistung und Fahrzeuggewicht gut im Zaum. Sie lässt sich feinfühlig dosieren, verblüfft aber damit, dass sie bei Langsamfahrt oder beim Rangieren einen höheren Pedaldruck als gewohnt verlangt, damit der Wagen schlussendlich zum Stillstand kommt.

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Klares Signal: Das rote Leuchtband verbindet die pfeilförmigen Rücklichter. © Audi / TRD mobil

Wie es scheint, ruft der e-tron GT dem Betrachter selbstbewusst ständig die Parole zu: „Ich bin Zukunft.“ Dennoch hinkt er im Detail manchmal seinem Credo etwas hinterher. So schwächelt das 5.000 Euro teure Assistenzpaket Plus, indem es via Verkehrsschilderkennung öfters die falschen Tempolimits in das Head-Up-Display (1.500 Euro) einspiegelt und die automatische Temporegelung entsprechend auf diese Phantasiewerte einstellt.

Oder das DAB-Radio, das im schlimmsten Fall alle paar Sekunden den Ton abdreht. Das mag manchmal an den Empfangsbedingungen der umgebenden Geographie liegen, deutet in seiner Häufigkeit jedoch eher darauf hin, dass die Antenne Schuld trägt. Eventuell geht diese Macke auf das Konto der Designer, denen die bessere Stabantenne ein Dorn im Auge ist.

An dieser Stelle ist „Vorsprung durch Technik“ ebenso wenig zu erkennen, wie beim blechernen Klang, den die ins Schloss geschubsten Türen von sich geben. Was beim Audi A8 bereits ein handfester Reklamationsgrund wäre, ficht den e-tron GT nicht an. Denn mit seinen beeindruckenden Fähigkeiten, lokal ohne Emissionen auf den unterschiedlichsten Straßen souverän unterwegs zu sein, ist ihm in dieser Disziplin ein Platz in der Spitzengruppe sicher. Womit wir wieder bei den Emotionen sind.

Klaus Brieter / mid / trd mobil