Asklepios Klinik für Psychische Gesundheit Langen: Hilfe bei der Suche nach einem Weg aus der Sucht

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Angelika Bauer, die Leitende Oberärztin der Suchtabteilung an der Asklepios Klinik für Psychische Gesundheit in Langen. (Foto: LPR)

Angelika Bauer, die Leitende Oberärztin der Suchtabteilung an der Asklepios Klinik für Psychische Gesundheit in Langen, will künftig Alkohol- und Medikamentenabhängige ebenso wie Konsumenten illegaler Drogen behandeln.

Nicht alle Krankheiten hinterlassen sofort tiefe Spuren. Nicht jedem, der an bestimmten Krankheiten leidet, sieht man dies sofort an. Viele Alkoholiker trinken heimlich. Familienangehörige, Freunde und Bekannte bemerken erst spät, dass der Betroffene regelmäßig zur Flasche greift. Nicht nur Alkoholsucht, auch die Abhängigkeit von Medikamenten und von illegalen Drogen ist eine Krankheit, die ärztlicher Hilfe bedarf. Die Asklepios Klinik für Psychische Gesundheit in Langen hat schon bisher alkohol- und medikamentenabhängige Menschen behandelt. Angelika Bauer, die Leitende Oberärztin der Suchtabteilung, will das Spektrum künftig aber erweitern und Menschen mit allen Suchterkrankungen, also auch Abhängigen von illegalen Drogen, helfen, die sich einer Entzugsbehandlung unterziehen wollen. In der Suchtabteilung, einer von fünf Stationen der Asklepios Klinik für Psychische Gesundheit, stehen 24 stationäre Plätze zur Verfügung.
Seit 1. Juli ist Bauer an der Langener Psychiatrie tätig. Die 50 Jahre alte Medizinerin, die in Rüsselsheim geboren wurde, war zuvor zehn Jahre am Vitos Klinikum Riedstadt, ebenfalls einem psychiatrischen Krankenhaus, tätig. Dort absolvierte sie auch ihre Weiterbildung zur Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. Schon bald spezialisierte sie sich auf die Suchtbehandlung und befasste sich mit Patienten, die von Alkohol oder illegalen Drogen abhängig sind. Als Oberärztin, später kommissarisch als Leitende Oberärztin, stand sie in Riedstadt an der Spitze der Abteilung für Abhängigkeitserkrankungen. Sie habe schon immer suchtkranke Menschen behandeln wollen, sagte sie. Sie finde es interessant, mit Alkoholikern und Drogenpatienten zu arbeiten. Viele Betroffene seien sehr motiviert und kämpften gegen ihre Krankheit; „das ist nicht immer einfach“. Viele kämen aber nur schwer von Alkohol oder illegalen Drogen los und erwarteten Hilfe: „Dafür bin ich da.“ In Langen leitet Bauer nicht nur die Suchtabteilung; sie ist auch oberärztlich in der dortigen Psychiatrischen Tagesklinik tätig. Mit ihrem Wechsel an die Asklepios Klinik für Psychische Gesundheit folgte sie dem neuen Chefarzt des Hauses, Dr. Harald Scherk, der im Mai vom Vitos Klinikum Riedstadt nach Langen kam.

Zu Bauers Team in Langen gehören zwei Assistenzärzte, eine psychologische Psychotherapeutin in Ausbildung, und geschulte Pflegekräfte. Außerdem kümmern sich Sozialarbeiter um die Patienten aus dem ganzen Kreis Offenbach, aber auch von darüber hinaus, etwa aus Frankfurt oder Darmstadt. Der eine oder andere Kranke sei ihr bei ihrem Wechsel nach Langen gefolgt, hob Bauer hervor. Sie habe ein „hochmotiviertes Team“ vorgefunden, das sich auf die anstehenden Veränderungen freue. Sie glaube, dass sie „die Attraktivität und die Freude an der Arbeit mit Abhängigkeitserkrankten gut weitergeben“ könne, machte Bauer deutlich. In der Vergangenheit habe die Beschäftigung mit diesem Krankheitsbild nicht immer so im Vordergrund gestanden. Die Medizinerin ließ erkennen, sie freue sich darauf, „dieses Arbeitsgebiet jetzt hier wieder intensivieren zu können“.

Wann gilt jemand als abhängig? Hier gebe es sechs Kriterien, von denen mindestens drei erfüllt sein müssten, um die Diagnose zu vergeben. Ein Kriterium ist laut Bauer „Toleranzentwicklung“ (Wirkverlust/Dosissteigerung) – also wenn jemand immer mehr trinken könne und seinen Alkoholkonsum von einem Bier am Tag auf zwei, fünf oder zehn Bier am Tag steigere. Aber auch, wer jeden Abend unbedingt ein einziges Bier trinken müsse, könne schon abhängig sein. „Suchtdruck“ sei nämlich ebenfalls ein Zeichen: Jemand könne nicht einfach mal auf sein Bier verzichten. Gleichermaßen ein deutlicher Hinweis auf Abhängigkeit: das „klassische Entzugssyndrom“, dass ein Alkoholiker zittert, bis er wieder etwas zu trinken erhält. Bei Konsumenten illegaler Drogen drehe sich häufig der gesamte Tagesablauf nur noch um die Frage, woher man den nächsten Stoff bekomme.
Häufig fallen den Hausärzten bei einem Patienten Veränderungen des Blutbilds, eine vergrößerte Leber oder veränderte Leberwerte auf, so dass sie nachfragen, ob die betreffende Person regelmäßig Alkohol konsumiert. Mancher Betroffene lehnt eine Entzugsbehandlung ab. Ist der Patient bereit, sich wegen seiner Abhängigkeit behandeln zu lassen, kann der Arzt ihn zu einer Suchtberatungsstelle schicken oder zum Entzug an die Psychiatrie überweisen. In Langen gebe es zwar eine Warteliste, doch meistens bekomme der Patient einen Aufnahmetermin noch in der gleichen Woche, hob Bauer hervor. In akuten Notfällen, bei denen Patienten erhebliche Mengen an Alkohol, Schmerzmitteln, Heroin oder Crack konsumiert haben, sorgen der Notarzt oder die Notfallambulanz der Asklepios Klinik Langen dafür, dass der Betroffene zunächst stabilisiert und dann zügig in die Psychiatrie gebracht wird. Auch dies setzt jedoch die Bereitschaft des Patienten voraus, sich einem Entzug zu unterziehen. Die Entzugsbehandlung sei „immer freiwillig“, so Bauer. Unter ihren Patienten sind alle Altersgruppen von 18 bis 80 Jahren vertreten, Frauen ebenso wie Männer.

Eine Suchterkrankung zu behandeln, ist eine langwierige Angelegenheit. Die akute Entzugsbehandlung, wie sie in Akutpsychiatrien wie der Asklepios Klinik für Psychische Gesundheit in Langen stattfindet, ist der erste Schritt und sieht die Entgiftung vor. Nach dem verbindlichen PCR-Test wegen Corona folgen intensive Gespräche mit den Ärzten. Mancher Patient spielt seine Symptome dabei herunter. Sie könne das inzwischen recht gut erkennen, machte Bauer deutlich. Sie versuche, jeden Patienten „abzuholen“; allerdings gelinge dies nicht immer. Nach Angaben von Bauer dauert die Entzugsbehandlung zwischen zehn Tagen und drei Wochen. Die Patienten können dabei verschiedene Angebote wie Ergotherapie, Arbeitstherapie und Bewegungstherapie wahrnehmen. Mancher Patient hat wegen seiner Sucht schon viel verloren. Arbeitsstelle und Familie sind da an erster Stelle zu nennen. Dies löst in der Folge auch Depressionen aus. Wichtig sei, dem Betroffenen trotz allem die Zuversicht zu vermitteln, „ich kann das schaffen“. In psychologischen Einzel- und Gruppengesprächen würden zudem die Ursachen thematisiert, die überhaupt zum Alkoholkonsum führten. Alkoholiker erhielten ein Entzugsmedikament, das die Entzugssymptome abfange. Alkoholentzug ohne ärztliche Begleitung könne lebensbedrohlich sein, hob Bauer hervor und warnte eindringlich davor, einen „kalten“ Entzug allein zu versuchen. Konsumenten von illegalen Drogen, etwa Heroin, könne man während der Entzugsbehandlung auf Substitute wie Methadon, Polamidon oder Buprenorphin oder retardiertes Morphin umstellen und dieses dann kontrolliert ausschleichen oder auf eine fortgesetzte Substitutionsmedikation einstellen. Bei der Substitution würden die Erkrankten regelmäßig ärztlich kontrolliert. Die Notwendigkeit entfalle, sich auf kriminelle Weise Geld für das benötigte Heroin zu beschaffen. Allerdings fehle bei Methadon der mit Heroin einhergehende „Kick“.

Mit dem Entzug allein ist es nicht getan. Fachleute unterscheiden zwischen der akuten Entzugsbehandlung, bei der der Körper entgiftet wird, und einem qualifizierten Entzug, bei dem auch die Motivation der Patienten gestärkt werden soll, dauerhaft auf Alkohol, Medikamente oder Drogen zu verzichten. An die Entzugsbehandlung in der Psychiatrie sollte sich daher als zweiter Schritt die Entwöhnung in einer Langzeittherapie anschließen. Dafür ist der Aufenthalt in einer Reha-Klinik notwendig. Diese Therapien dauern zwischen drei und sechs Monate. Es gibt aber auch ambulante Therapien, beispielsweise in einer Tagesklinik oder in den Suchtberatungsstellen. Daran anschließend ist auch eine ambulante Psychotherapie sinnvoll. Schon während der akuten Entzugsbehandlung versuchen die Ärzte und die an der Asklepios Klinik für Psychische Gesundheit tätigen Sozialarbeiter, ein geeignetes Angebot zu finden, sofern auch der Patient selbst anstrebt, dauerhaft ohne Alkohol, Medikamente oder Drogen zu leben. Die wenigsten Suchtpatienten seien schon nach einer einzigen Entzugsbehandlung für immer abstinent, sagte Bauer. Die Rückfallquote sei hoch, was aber nicht abschrecken solle: „Wir behandeln chronisch kranke Menschen und versuchen, möglichst lange abstinente Phasen zu erzeugen.“ Auch bereits kurze abstinente Phasen seien immer ein Gewinn für die Patienten.

Bauer sieht eine allgemeine Tendenz, gerade Patienten, die von illegalen Drogen abhängig seien, „abzuschieben“, weil keiner sie haben wolle. An der Asklepios Klinik für Psychische Gesundheit solle dies nicht passieren: Die Arbeit mit diesen Kranken sei ihr wichtig, machte Bauer deutlich. Darüber hinaus gebe es auch zu wenige Angebote für jugendliche Konsumenten. Diese hätten spezielle Drogen und aufgrund ihres Alters auch oft andere Ursachen ihres Konsums. Auch für diese Patienten habe sie viele Ideen. Hierfür habe sie bereits Weiterbildungen absolviert und sich stetig in weiteren Psychotherapieverfahren fortgebildet, um die weiteren Komorbiditäten wie Traumatisierungen und mögliche Borderline-Persönlichkeitsstörungen behandeln zu können.

Auch eine tiergestützte Therapie wird angeboten und die Behandlung hier unterstützen. Demnächst wird Bauer ihre beiden Australian Shepherds in die Asklepios Klinik für Psychische Gesundheit mitbringen können: Sie wurden als Therapiehunde ausgebildet und sollen bei der Arbeit mit den Suchtpatienten unterstützen. Bauer rechnet damit, dass das Kreisgesundheitsamt den Einsatz der kuscheligen Vierbeiner in diesen Tagen genehmigt.

(Text: PM LPR)