Dietzenbach setzt Zeichen gegen Gewalt an Frauen

126
Bürgermeister Dr. Dieter Lang und Bettina Kuse, Dietzenbachs Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte beim Hissen der Fahne im vergangenen Jahr. (Foto: Kreisstadt Dietzenbach)

Frauenbeauftragte und Bürgermeister organisieren eine Mahnwache

Zum Internationalen Tag „Nein zu Gewalt an Frauen“ am 25. November zeigt die Kreisstadt Dietzenbach seit vielen Jahren traditionell Flagge. Neben der Beflaggung am Rathaus gab es in der Vergangenheit verschiedene Workshops für Frauen, Informationsveranstaltungen, Gesprächsrunden und vieles mehr. Bettina Kuse, Dietzenbachs Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte, kennt das Problem von Gewalt an Frauen und Mädchen durch ihre langjährige Berufserfahrung.

Bürgermeister Dr. Dieter Lang möchte in diesem Jahr das Thema noch etwas präsenter in der Stadtgesellschaft verankern und lädt, gemeinsam mit der Frauenbeauftragten, zu einer Mahnwache vor dem Rathaus ein. „Das Thema hat an Aktualität leider nicht verloren, im Gegenteil“, sagt Bettina Kuse.

Alle sind eingeladen, um 18.30 Uhr auf dem Europaplatz, ein gemeinsames, starkes Zeichen gegen Gewalt an Frauen und Mädchen in die Welt zu senden.

Das Rathaus wird, im Geiste der „Orange the Word“-Kampagne der UN Woman, in Teilen Orange beleuchtet. Weltweit werden auch in diesem Jahr wieder Gebäude in orangem Licht illuminiert und zeigen so ihre Solidarität und Nulltolltoleranz gegen Gewalt an Frauen und Mädchen.

Frau Kuse erklärt, warum dieser Tag von Bedeutung ist

Gewalt gegen Frauen nimmt zu: Jede Stunde werden in Deutschland durchschnittlich 13 Frauen Opfer von Gewalt in der Partnerschaft. Alle zweieinhalb Tage wird eine Frau durch eine Gewalttat ihres Partners oder Ex-Partners getötet, neun Frauen werden täglich von ihrem Partner vergewaltigt oder sexuell genötigt und es fehlen bundesweit 14.000 Frauenhausplätze.

Zum 25. November hisst jährlich am Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen der Bürgermeister Herr Dr. Dieter Lang mit der Frauenbeauftragten Bettina Kuse – als Zeichen der Solidarität mit allen Frauen und Mädchen vor Ort und weltweit, die Gewalt erleiden – die „Frei Leben“- Fahne vor dem Rathaus. Dem Bürgermeister ist es ein Anliegen die Situation für Frauen zu verbessern, indem er immer wieder die Gewalt an Frauen thematisiert: „Gewalt gegen Frauen ist Ausdruck fest verankerter struktureller Benachteiligung und den daraus entstandenen Geschlechternormen und -stereotypen“, sagt Dr. Lang.

Nach wie vor wählen zu viele Männer Gewalt als Mittel, um Kontrolle über Frauen und Mädchen auszuüben. Unter häuslicher Gewalt – auch häuslicher Missbrauch oder partnerschaftliche Gewalt – versteht man jedes Verhaltensmuster, welches dazu führt, Macht über die oder den Partner*in auszuüben oder zu erhalten. Dabei umfasst häusliche Gewalt alle körperlichen, sexuellen, emotionalen, ökonomischen und psychischen Handlungen oder die Androhung dieser Handlungen, die eine andere Person negativ beeinflussen. Jede dieser Gewalterfahrungen nimmt in der Folge unzähligen Mädchen und Frauen ihre Rechte auf Selbstbestimmung, Unabhängigkeit und Gleichberechtigung.

Gewalt gegen Frauen in kriegerischen Konflikten

In Kriegs- und Konfliktsituationen wird sexualisierte Gewalt gegen Frauen und Mädchen, manchmal auch gegen Männer, immer wieder als Kriegswaffe eingesetzt. Ziel ist dabei die Zerstörung von Gemeinschaften. So ein Erleben hinterlässt schwere Traumata bei den Betroffenen, die sich von Generation zu Generation übertragen. So wird der diesjährige brutale Überfall Russlands auf die Ukraine noch für viele Generationen leidvoll sein – auf beiden Seiten. Gewalt gegen Frauen ist eine Menschenrechtsverletzung, die Frauen in allen Ländern und Kulturen erleben.

Jîna Mahsa Amini (22 Jahre alt) wurde getötet, weil ihr Kopftuch verrutscht war. In der Folge gehen nun tausende Frauen, Mädchen und Männer im Iran auf die Straße. Die Frauen wissen: Sie hätte es ebenso treffen können. Die Parole, die sie für ihren Protest gewählt haben ist weltweit gültig: „Frauen. Leben. Freiheit!“ Gewalt gegen Frauen und Mädchen hat weitreichende Konsequenzen. Sie schadet nicht nur den Frauen selbst, ihrer Gesundheit und Arbeitskraft, auch ihre Kinder, Familien und die Gesellschaft sind davon betroffen.

Epidemische Ausmaße

Die WHO stellt fest, dass „Gewalt gegen Frauen ein globales Gesundheitsproblem von epidemischem Ausmaß sei, das dringendes Handeln erfordert!“ Und das RKI konkretisiert für Deutschland:

„Die Kosten von Gewalterfahrungen sind für die betroffenen Frauen (und auch deren Kinder) mit einem großen individuellen Leid und häufig mit diversen gesundheitlichen und (psycho-)sozialen Folgen verbunden. Gleichzeitig verursachen die Folgen von Gewalt auch erhebliche gesamtgesellschaftliche Kosten. Auf insgesamt 18 Milliarden Euro schätzt sie die erste deutsche Kostenstudie zu häuslicher Gewalt gegen Frauen.“

Als direkte psychische und psychosoziale Folgen der erlebten physischen, psychischen und sexuellen Gewalt gaben die befragten Frauen in der bundesdeutschen Gewaltprävalenzstudie am häufigsten Niedergeschlagenheit/ Depressionen, Schlafstörungen/Alpträume, dauerndes Grübeln, vermindertes Selbstwertgefühl, erhöhte Ängste, Schwierigkeiten im Umgang mit Männern bzw. in sozialen Beziehungen sowie Antriebslosigkeit/ Konzentrationsschwäche an. Darüber hinaus wurden auch Essstörungen und Suizidgedanken genannt. Diese vielfältigen psychischen und psychosozialen Symptome und Erkrankungen können ein Leben lang bestehen bleiben.

Frauen und Mädchen stärken

Eine Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) benennt als gewaltpräventive Faktoren bei häuslicher Gewalt den Bildungstand und die finanzielle Autonomie der Frauen sowie den Grad der persönlichen Stärkung und der sozialen Unterstützungen, die sie erfahren. Gemäß der WHO ist der Grad der ökonomischen Ungleichheit zwischen Männern und Frauen ein Indikator für Partnergewalt. Es ist somit ein wichtiger Bestandteil für die Prävention von häuslicher Gewalt (und anderer Formen von Gewalt gegen Frauen), dass Frauen ökonomisch den Männern gleichgestellt werden.

Eine weitere Präventionsmöglichkeit ist, die Frauen und Mädchen selbst zu stärken, damit sie möglichen Grenzüberschreitungen und Übergriffen entgegentreten können.
Nicht wegsehen

Gewalt erzeugt Angst und Scham und viele Betroffene sprechen nicht über das Erlebte. Tatsächlich nutzen in Deutschland nur 20% der Frauen die Gewalt erfahren die Beratungs- und Unterstützungseinrichtungen. Dr. Dieter Lang und Bettina Kuse möchten Frauen, die Gewalt erleben, Mut machen. Sie sollen wissen, dass sie nicht allein sind und es Wege aus der Gewalt gibt: „Sie dürfen darüber reden und sich Hilfe holen! Auch wenn es zunächst unmöglich erscheint, dass Sie in Freiheit leben können – es geht! Sie dürfen da raus und dürfen die Hilfe annehmen!“

Hilfe und Unterstützung

Das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen ist das erste bundesweite Beratungsangebot für von Gewalt betroffene Frauen. Telefonisch unter 08000 116 016 rund um die Uhr, via Chat oder Mail können sich Betroffene, aber auch Angehörige und Freunde sowie Fachkräfte kostenfrei beraten lassen. Die Beratung kann anonym und auch für Hörgeschädigte erfolgen. Auf Wunsch werden Unterstützungsangebote vor Ort vermittelt. Es ist möglich, Dolmetscherinnen hinzuzuschalten. Die Beratung wird in 15 Sprachen angeboten

Die Frauenberatungsstelle und das Frauenhaus vom Kreis Offenbach sind zu Bürozeiten unter der Telefonnummer 06106 – 3111 erreichbar, auch hier wird den betroffenen Frauen kostenlos und auf Wunsch auch anonym geholfen.

Beratungsangebot im Rathaus

Das Frauen- und Gleichstellungsbüro im Rathaus bietet telefonische Sprechstunden an – für Frauen in allen Lebenslagen oder mit Gleichstellungsanliegen in Einzelfällen: Montags bis Freitags, je von 9 bis 13 Uhr, Tel. 06074/373-240. Diese Gespräche sind vertraulich und können auf Wunsch anonym erfolgen.

(Text: PM Kreisstadt Dietzenbach)