Seit einer Dekade hilft das Frankfurter Netzwerk für Suizidprävention, Leben zu retten

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Das FRANS-Team des Gesundheitsamts: Dr. Christinane Schlang, Victoria Dichter, Inga Beig und Nora Hausschild (v.l.n.r.).(Foto: Gesundheitsamt Frankfurt am Main)

Informieren, sensibilisieren, helfen – seit zehn Jahren trägt das Frankfurter Netzwerk für Suizidprävention (FRANS) dazu bei, Suizide zu verhindern. Das Netzwerk wurde im Juni 2014 auf Initiative des Gesundheitsamtes gegründet. Warum es ins Leben gerufen wurde, wie es sich über die Jahre entwickelt hat, welche Ziele es verfolgt, welche Methoden es dafür nutzt, warum seine Arbeit so wertvoll ist und warum sich Betroffene für FRANS engagieren – zehn Stimmen zu zehn Jahren FRANS.

Anfang Mai wurde die Suizidpräventionsstrategie der Bundesregierung vorgestellt. Was erhoffen Sie sich als Gesundheitsdezernentin der Stadt Frankfurt von einem Suizidpräventionsgesetz?

Elke Voitl, Dezernentin für Soziales und Gesundheit, sagt: „Jedes Jahr sterben in Deutschland um die 10.000 Menschen durch Suizid, allein in Frankfurt sind es etwa 90 Menschen pro Jahr. Die Zahl der Suizidversuche liegt noch um ein Vielfaches höher und das Leid der Betroffenen und ihrer Angehörigen ist unermesslich. Für eine wirkungsvolle Suizidprävention müssen wir das Thema aus der Tabuzone holen. Es sind regionale Angebote notwendig, die die Menschen in ihrem Alltag erreichen. Ein Suizidpräventionsgesetz sollte daher die bestehenden Strukturen berücksichtigen und unterstützen. Als Kommune brauchen wir außerdem verlässliche Finanzierungszusagen, die Planungssicherheit geben.“

Was ist das Ziel von FRANS?

Dr. Peter Tinnemann, Leiter des Gesundheitsamts Frankfurt, sagt: „FRANS leistet seit zehn Jahren großartige Aufklärungsarbeit und bringt der Öffentlichkeit das schwierige Thema Suizid durch Veranstaltungen und Kampagnen nahe. Damit wirkt es der Stigmatisierung entgegen, der Menschen mit Selbsttötungsgedanken oder die einen Suizidversuch hinter sich haben und auch ihre Angehörigen, oftmals ausgesetzt sind. Das Team von FRANS bündelt Informationen über Hilfsangebote, etwa den Sozialpsychiatrischen Dienst unseres Amtes als Ansprechpartner bei seelischen Krisen, und stellt sie unter anderem auf frans-hilft.de zur Verfügung. Und: FRANS hat sich zum Ziel gesetzt, die Datenlage in Frankfurt zu verbessern, erfasst verschiedene Kennzahlen zum Thema Suizid. Auf Basis dieser Zahlen wird nicht nur eine an den konkreten lokalen Bedarfen ausgerichtete Präventionsarbeit möglich, sondern es lassen sich potenzielle Suizid-Hotspots in der Stadt identifizieren und das Team kann bei bestimmten Gebäuden und Schienenabschnitten auf eine Sicherung hinwirken.“

Warum ist es richtig, ein Netzwerk wie FRANS in einem Gesundheitsamt anzusiedeln?

Dr. Christiane Schlang, Leiterin der Abteilung Psychische Gesundheit im Gesundheitsamt, sagt: „Gesundheitsförderung, Prävention und Gesundheitsschutz sind originäre Aufgaben des öffentlichen Gesundheitsdienstes. Da das Suizidrisiko bei psychischen Erkrankungen deutlich erhöht ist, sehe ich die Verantwortung, Suizidpräventionsmaßnahmen auf kommunaler Ebene zu initiieren und zu etablieren, primär bei den Gesundheitsämtern. Dort sind die Strukturen und Zusammenhänge vor Ort bekannt. Bedarfe innerhalb der Stadt oder Gemeinde können berücksichtigt, die Beteiligten eingebunden und der Austausch mit der Kommunalpolitik sichergestellt werden. Die einzelnen Netzwerkmitglieder tragen dann dazu bei, suizidpräventive Maßnahmen ‚an der Basis’ umzusetzen. Gesunde Lebensbedingungen zu schaffen wird eine immer dringendere sozial- und gesundheitspolitische Notwendigkeit werden. Deshalb wünsche ich mir zum FRANS-Geburtstag, dass mehr Gesundheitsämter unserem Beispiel folgen und ähnliche Netzwerke initiieren.“

Warum ist es so wichtig, offen über das Thema Suizid zu sprechen?

Inga Beig, FRANS-Netzwerkkoordinatorin im Gesundheitsamt, sagt: „Das Thema Suizid ist in unserer Gesellschaft leider immer noch sehr tabuisiert. Wenn überhaupt, wird nur hinter vorgehaltener Hand darüber gesprochen. Es muss aber möglich sein, über Suizidalität zu reden, ohne verurteilt zu werden. Dafür setzen wir von FRANS uns ein. Wenn ein Mensch mit Suizidgedanken das Gefühl hat, er dürfe nicht über seine Gedanken sprechen, dann wird er sich auch keine Hilfe holen. Wir wollen, dass jeder weiß: Es gibt Hilfe. Auch für diese scheinbar ausweglose Situation. Hätten wir die Möglichkeit, wir würden deutschlandweit auf den großen Plakatwänden rechts und links der Autobahnen auf das Thema Suizid und Hilfsangebote aufmerksam machen. Denn Suizid ist kein Nischenthema: Die Zahl der Menschen, die sich in Deutschland jedes Jahr das Leben nehmen, ist größer als die der Opfer von Mord- und Totschlag, der an HIV, durch Verkehrsunfälle und den Konsum illegaler Drogen Verstorbenen zusammen.“

Wie gelingt es, das Thema Suizid in die Öffentlichkeit zu bringen?

Nora Hausschild von FRANS sagt: „Wir denken uns immer wieder neue Formate aus, mit denen wir den Menschen das Thema Suizid nahebringen können und mit denen wir sie zum Nachdenken anregen. Für unsere Aktionen wählen wir meist den September, in dem der Welttag der Suizidprävention stattfindet. Im vergangenen Jahr haben wir in Kooperation mit dem Kasseler Museum für Sepulkralkultur die Ausstellung ‚Suizid – Keep on Talking‘ in der Sachsenhäuser AusstellungsHalle 1A gezeigt und ein vielschichtiges Abendprogramm zu verschiedenen thematischen Schwerpunkten zusammengestellt. Rund 700 Besucherinnen und Besucher kamen, rund 250 nahmen am Begleitprogramm teil. Dieses Jahr planen wir neben einer Lesung mit Golli Marboe, dessen Sohn sich suizidiert hat, einer Aufführung von ‚Dinkelstollen und Angstherzen‘, die sich mit Depression beschäftigt, sowie einer Filmvorführung mit anschließendem Gespräch über Suizidalität auch eine interaktive Nachmittagsveranstaltung zum Thema Krisenbewältigung.“

Wie hat sich FRANS in den vergangenen zehn Jahren entwickelt?

Victoria Dichter von FRANS sagt: „Als FRANS gegründet wurde, haben sich rund 35 Organisationen und Institutionen beteiligt. Inzwischen sind es über 80. Wir laden regelmäßig zu Netzwerktreffen ein, bei denen wir zurückliegende und bevorstehende Aktivitäten, zum Beispiel aus Arbeitskreisen oder Öffentlichkeits- und Fortbildungsarbeit, besprechen, neue Konzepte entwickeln oder gemeinsam die Frankfurter Suizidstatistik diskutieren. Besonders wichtig ist uns dabei, den Netzwerkcharakter zu stärken und einen Raum für den persönlichen Austausch sowie die Vernetzung untereinander zu schaffen. Vor zehn Jahren mussten wir erstmal Klinken putzen, um auf unsere Angebote aufmerksam zu machen. Mittlerweile werden wir sehr oft angefragt, teilen unsere Erfahrungen mit anderen Kommunen und Netzwerken und gelten deutschlandweit als herausragendes Projekt.“

Warum engagieren Sie sich für FRANS?

Jörg Engelhardt, Gründer einer Selbsthilfegruppe für Männer mit Depressionen, sagt: „Jeder Mensch ist es wert, dass man sich um ihn kümmert und um ihn kämpft. Darum setze ich mich für FRANS ein. Vor rund 20 Jahren erhielt ich selbst die Diagnose Depression, bin von jetzt auf gleich abgestürzt und habe nur noch funktioniert. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn der Faden zum Reißen dünn ist. Für jemanden, der gerade in einer scheinbar ausweglosen Situation ist, kann es lebensrettend sein, zu wissen: Ich bin nicht allein, jemand ist für mich da und nimmt mich und meine Gefühle ernst. Als Außenstehender sollte man nicht die Augen verschließen, wenn man merkt, jemandem geht es gar nicht gut. Denn diese scheinbar ausweglose Situation ist nüchtern betrachtet nur ein Moment. Und der geht vorüber. Nur ist ein Betroffener in diesem entscheidenden Augenblick absolut nicht in der Lage, das zu sehen.“

Wie ist es, einen Angehörigen durch Suizid zu verlieren?

Torben Sdun, der sich für FRANS engagiert, sagt: „Mein Vater nahm sich das Leben, als ich 21 Jahre alt war. Als Jugendlicher lebte ich in der ständigen Angst, ihn zu verlieren und ich konnte eine sehr lange Zeit nicht über das Erlebte sprechen. Heute bin ich Mitglied und Vorstand im FRANS-Förderverein. Meine Teilnahme an den Arbeitskreisen Assistierter Suizid und Prävention sowie Antistigma und Awareness-Arbeit liegen mir sehr am Herzen. Durch dieses Engagement habe ich mich meiner Vergangenheit gestellt und erstmals öffentlich über mein Erlebtes gesprochen – im Rahmen des Begleitprogramms der Ausstellung ‚Suizid – Keep on Talking‘. Mit meiner Geschichte möchte ich anderen zeigen: Es gibt Hoffnung. Wenn man einen schweren Verlust oder einen Rückschlag erlebt, ist es möglich, sich aus dieser Situation zu befreien und etwas Positives daraus zu machen.“

Wofür ist Ihr Einsatz für FRANS gut?

Walter Kohl, Schirmherr von FRANS, sagt: „Das Thema Suizidalität brach über meine Familie und mich im Juli 2001 durch den Suizid meiner Mutter wie eine Katastrophe herein. Verschärfend kam mein eigener Suizidversuch hinzu. Beide Ereignisse fanden in Zeiten extremer Belastungen statt. Besonders schwierig war für mich damals der Umgang mit der extremen Öffentlichkeit rund um den Tod meiner Mutter und ich suchte neue Wege, um mit diesen Katastrophen umzugehen. Das Leben schenkt uns manchmal die ungewöhnlichsten Chancen, so jedenfalls empfand ich den ersten Anruf im Frühjahr 2015 von Herrn Dr. Götz, dem Gründer von FRANS. Plötzlich entstand für mich eine unerwartete Möglichkeit, alten Schmerz in neuen Sinn zu wandeln. Durch unsere Veranstaltungen teilen wir wissenschaftliche Erkenntnisse, eigene Erfahrungen und Einsichten rund um Suizidalität mit anderen Menschen und tragen zur Suizidprävention bei. Gerade für Angehörige und Betroffene sind solche Möglichkeiten zum Austausch wichtig, denn noch immer schaffen die bestehenden gesellschaftlichen Tabus viel Leid und Einsamkeit.“

Wie kamen Sie auf die Idee, FRANS ins Leben zu rufen?

Dr. Thomas Götz, FRANS-Initiator, Staatssekretär im Ministerium für Gesundheit, Soziales, Integration und Verbraucherschutz des Landes Brandenburg: In Deutschland suizidieren sich aus den unterschiedlichsten Beweggründen 10.000 Menschen im Jahr. Dies geschieht nicht immer aufgrund einer freien und informierten Entscheidung. Die Zahl der Suizidversuche und der betroffenen Personen – wie zum Beispiel Familie, Freunde und Angehörige – liegt noch um ein Vielfaches höher. Eine datengestützte und evidenzbasierte Suizidprävention mit Beratung und Vernetzung vor Ort ist daher eine wichtige gesamtgesellschaftliche Aufgabe und sollte als Bestandteil der kommunalen Daseinsvorsorge verstanden werden. Durch die Etablierung von FRANS erfolgte ein erster wichtiger Schritt hin zu einer umfassenden kommunalen ‚public mental health‘-Strategie in einer deutschen Großstadt. Ich freue mich sehr, zu sehen, wie sich FRANS seitdem entwickelt hat und zu einem Vorbild für weitere ähnliche Netzwerke, wie zum Beispiel Berlin, wurde.

Die Veranstaltungen zum zehnjährigen Jubiläum von FRANS finden rund um den Welttag der Suizidprävention im September statt.

(Text: PM Gesundheitsamt Frakfurt)