Rödermark: Im Wald geht nichts schnell

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(Foto: PS)

Förster haben bei ihrer Arbeit Zeiträume von mehreren hundert Jahren im Blick

Zu einer Führung durch den Urberacher Wald in Richtung Messel hatte der Naturschutzbund Rödermark ein Expertenduo eingeladen. Forstoberinspektorin Helene Zickler und Ralf Sehr, der Verantwortliche für Naturschutz im Forstamt Langen, leiteten die Exkursion.

Ralf Sehr erklärte zu Beginn des Rundgangs, dass es eine Art Standardwert im Waldbau gibt, der aussagt, dass auf einer bestimmten Höhenlage, Hangneigung, bei einer bestimmten Boden- und Wassersituation ein Wald in einer bestimmten Ausformung und Artenzusammensetzung zu erwarten sei. Die so genannte potenziell mögliche Waldgesellschaft ist allerdings in vielen Fällen nicht die Realität, da der Mensch seit Jahrhunderten den Wald durch sein Eingreifen geformt hat. Bei ihrer Arbeit haben die Förster die potenziell natürliche Waldgesellschaft aber immer im Hinterkopf und arbeiten darauf hin, dass diese, sollte sie schon bestehen, erhalten bleibt. „Und wenn sie noch nicht da ist, dann wollen wir sie erreichen“, so Sehr. Die Ziele werden in einer Art Masterplan auch schriftlich festgehalten. Das Hauptziel, so Sehr, sei immer ein gesunder Wald.

„Im Wald geht nichts schnell“, machten Helene Zickler und Ralf Sehr auf die Besonderheit ihres Arbeitsbereichs aufmerksam. „Wir denken in Zeiträumen von minimal zehn Jahren, maximal 300 bis 400 Jahren.“ Die großen Zeiträume kamen auch beim Blick auf die sogenannten FSC-Flächen zur Sprache. Durch die freiwillige Teilnahme an dem Zertifizierungssystem verpflichtet sich die Stadt als Waldbesitzer zu einer nachhaltigen und verantwortungsbewussten Bewirtschaftung des Waldes. Im Rahmen der FSC-Zertifizierung wurden fünf Prozent der Waldfläche als sogenannte Naturwaldentwicklungsfläche stillgelegt und aus der Bewirtschaftung (Holzeinschlag und Pflegemaßnahmen) herausgenommen. Da die FSC-Flächen allerdings erst vor ein paar Jahren geschaffen wurden, sieht der interessierte Beobachter bislang noch keinen großen Unterschied zum „normal“ bewirtschafteten Wald. Das werde sich auch die nächsten 20, 30 Jahre nicht wirklich ändern, blickten die Experten voraus. „Wir würden Ihnen gerne jetzt schon den Effekt zeigen, das können wir aber noch nicht“, hieß es zu den aus der Waldbewirtschaftung herausgenommenen Flächen, in denen natürliche Prozesse ungestört ablaufen und sich die Natur entwickeln darf. „Aber wir haben die Weichen gestellt.“

Als FSC-Flächen werden unter anderem Flächen ausgewählt, berichtete Helene Zickler, bei denen eine normale Bewirtschaftung nicht sinnvoll ist, etwa weil sie vernässt sind und dort ohnehin nur schwer gearbeitet werden kann. Regelmäßig finden auch Kontrollen statt, ob die Kriterien für die FSC-Flächen noch eingehalten werden. In Südhessen seien FSC-Flächen, so Zickler, sehr verbreitet. In Nordhessen weniger, unter anderem weil es dort noch mehr Privatwälder gibt und die Waldbewirtschaftung dort noch ein größerer wirtschaftlicher Faktor ist.

Weitere Themen bei dem Rundgang waren unter anderem die Anpassung des Waldes an den Klimawandel, Baumkrankheiten und die Entwicklung des Holzmarktes. Der habe sich in den letzten 20 bis 30 Jahren verändert, er sei von einem regionalen zu einem globalen Markt geworden.

Die prägende Baumart im Rödermärker Stadtwald ist die Kiefer mit rund 66 Prozent Flächenanteil, Eichen- und Buchenbestände finden sich auf jeweils elf Prozent der Fläche. An einer Stelle im Stadtwald, wo vor 32 Jahren Eichen gepflanzt und damit „für die nächsten 300 Jahre eine Entscheidung getroffen wurde“, so Ralf Sehr, machte die Gruppe Station. „Hier entscheiden die Bäume ein ganzes Stück weit selber, wer hier der Größte ist, wer sich durchsetzt, wir müssen da relativ wenig machen“, sagte Helene Zickler. Bei kleineren Durchforstungen werden die großen und stabilen Bäume ausgemacht und dadurch gefördert, dass die nicht so gut entwickelten herausgenommen werden.

Der Wald im kommunalen Besitz der Stadt Rödermark hat eine Fläche von 1071 Hektar. Die Gruppe machte bei ihrem Rundgang auch an einem Polter Station, wo gesammeltes und sortiertes Rundholz nach der Holzernte auf einem Sammelplatz zur Abfuhr bereitliegt. Auf den Abtransport wartet das Holz an dieser Stelle allerdings schon zwei, drei Jahre. Verkauft ist es zwar, nur scheint sich der Käufer nicht mehr dafür zu interessieren. „Firmen, die solches Holz kaufen, die kaufen in hunderttausender Margen ein, das ist ein Massensortiment. Wenn in einer Waldecke, da noch zwei LKWs voll liegen, dann lohnt sich das oft nicht, das nochmal zu holen. Dann sage die: Komm`, lass es liegen.“ Dass das Holz zwar verkauft, an dieser Stelle des Waldes aber nicht abgeholt wird, sieht Ralf Sehr aber als kein großes Problem an. Es hat nämlich auch Vorteile: „Ein besseres Insektenhotel gibt es gar nicht.“

(Text: PS)