
„Die Zeit drängt!“: Diese Worte schickt Roland Schneider für den „Zusammenschluss engagierter Nachbarn der Straße ,An der Gersprenz‘“ in Münster einer ausführlichen Chronologie hinterher, die er dem Autor dieser Zeilen zum Ortstreffen mitgebracht hat. Die Zusammenstellung reicht 31 Jahre zurück, bis 1995: Damals verwandelte sich die meist harmlos wirkende Gersprenz (nicht nur) in der Münsterer Gemarkung in einen reißenden Fluss, der in dramatischer Weise über die Ufer trat. Das Ereignis habe sich „ins Gedächtnis der Betroffenen“ eingebrannt, sagt Schneider, dessen Grundstück unweit der Ortsausfahrt gen Eppertshausen liegt und nur durch einen schmalen Weg vom Fließgewässer getrennt ist.
2002 Sorgen erstmals vorgetragen
Nicht nur Haus und Garten von Roland Schneider und seiner Frau Heike, vom Ehepaar Klaus und Birgit Dony (ebenfalls Straße „An der Gersprenz“) sowie von Günter Schneider (Werlacher Weg), die allesamt zum Pressegespräch gekommen sind und doch nur exemplarisch für viele Münsterer mehr stehen, sind bedroht: Seit 2015 ist ermittelt, dass im Norden der Gemeinde im Falle eines „hundertjährigen Hochwassers“ 260 Anwesen mit 400 Haushalte unmittelbar betroffen wären. Die Flächen und Immobilien verteilen sich auf 15 Straßen ab der Dammstraße nahe der Langsmühle und im weiteren Verlauf gen Nordosten über die Frankfurter Straße bis zum Werlacher Weg am Gersprenzstadion. In diesem Gebiet ufert die Gersprenz an diversen Stellen rechtsseitig aus; ein Jahrhundert-Hochwasser würde darüber direkt in den Ortskern abfließen und große Schäden anrichten.
2002 trugen Anwohner ihre Sorgen erstmals schriftlich der Gemeinde Münster vor. 2007 verpflichtete die Europäische Union ihre Mitgliedstaaten zur Erstellung von Hochwasserrisiko-Managementplänen. In Münster fasste die Gemeindevertretung auf Basis eine solchen Plans Anfang 2015 den Beschluss, eine zentrale Maßnahme im gefährdeten Bereich entlang der Gersprenz umzusetzen. Was konkret eine Schutzwand meinte und bis heute meint, die auf der rechten Uferseite auf 330 Metern Länge und mit einer Höhe von einem Meter errichtet werden soll.
Auf diese Wand warten die Gersprenz-Nachbarn auch elf Jahre später noch – obwohl der zuständige Wasserverband bereits 2016 ein Ingenieurbüro mit der Planung beauftragte. 2017 wurde im Zuge der Auftragserteilung das Genehmigungsverfahren eingeleitet. Im selben Jahr folgte jedoch der erste Rückschlag: Wegen fehlender Fördermittel wurde das Projekt, das auf Basis der aktuellsten, aus 2024 stammenden Zahlen rund 1,25 Millionen Euro kosten soll, zunächst gestoppt. Ein neuerlicher Anlauf der Gemeinde auf die Fördermittel sollte den Bau 2019 dann tatsächlich über die Bühne bringen. Ungeklärte artenschutzrechtliche Fragen verzögerten das Vorhaben jedoch erneut.
Man könnte so fortfahren: Neue Planungen und Deadlines (2020, 2021, 2022) wurden erst festgelegt und bald wieder gerissen. Mal änderten sich die behördlichen Zuständigkeiten (heute spielt neben dem Wasserverband vor allem das Regierungspräsidium Südhessen die Schlüsselrolle), dann fehlte das Geld. 2022 äußerte das RP Kritik zum Genehmigungsverfahren.
Aktuellster Sachstand abermals ernüchternd
Vier Jahre des kaum wahrnehmbaren Fortschritts später überbrachte Bürgermeister Joachim Schledt (parteilos) Anfang Februar den aktuellsten – aus Anwohnersicht abermals ernüchternden – Sachstand: Er teilte mit, dass das RP den Bescheid zum Hochwasserschutz an der Gersprenz im Münsterer Norden zwar an die Gemeinde übersandt habe. Zugleich liege er aber auch noch dem Wasserverband zur fachlichen Prüfung vor. Erst im Anschluss könne das RP den Bescheid übergeben – woraufhin der Wasserverband die Finanzierung kläre. Danach gehe der Bescheid ans Ingenieurbüro, das die Ausführungsplanung fertigstelle. Erst damit wiederum könnten Fördermittel beantragt und im finalen Schritt die Bauleistung ausgeschrieben werden.
Dieser Prozess dauert wohl ein weiteres Jahr. Die Wand am Ufer könnte damit frühestens ab Mitte 2027 gebaut werden. Es war – um im nassen Bild zu bleiben – der Tropfen, der bei den Anwohnern des Flüsschens das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Gegenüber den Behörden und jetzt auch öffentlich verdeutlichen sie, dass ihr Geduldsfaden gerissen sei. Man erwarte nun „klare Aussagen, wer den sofortigen Bau verhindert, welche konkreten Schritte unternommen werden, um das Verfahren zu beschleunigen und wer die Verantwortung für die weiteren Verzögerungen trägt“.
Die Antworten darauf fehlen noch. Roland Schneider indes macht für den Zusammenschluss der Gersprenz-Nachbarn deutlich: „Hochwasserschutz duldet keinen weiteren Aufschub. Die nächste Flut wartet nicht auf Verwaltungsabläufe.“
(Text: jedö)
