
So hat Rodgau seinen Kulturpreis noch nie vergeben: Statt eines klassischen Festakts wurde die Ehrung für Schauspielerin Pirkko Cremer zu einer ebenso verspielten wie überraschenden Bühnenproduktion – maßgeschneidert für eine Künstlerin, die sich ungern in feste Formen pressen lässt.
Schon der Auftakt brach mit allen Erwartungen. Kein feierlicher Einmarsch, keine langen Reden – stattdessen ein vorsichtiges Hervorlugen hinter dem Vorhang, ein erschrockenes Zurückweichen vor dem Applaus und dann der plötzliche Auftritt als freche Berliner Göre. „Ick hab‘ jehört, hier is’n Casting“, ruft Cremer ins Publikum, während Pianist Hans-Kaspar Scharf die ersten Töne anschlägt. Mit Witz, Charme und einer gehörigen Portion Selbstironie singt sie sich direkt in die Herzen der Gäste. Was folgte, war keine gewöhnliche Laudatio, sondern ein lebendiges Zwiegespräch zweier langjähriger Weggefährten: Michael Quast und Regisseurin Sarah Groß. Sie würdigten Cremer nicht nur, sie spielten, erzählten und wechselten dabei mühelos zwischen Sprachen und Tonlagen. Von finnischen und französischen Wurzeln über hessisches Mundwerk bis hin zu Stationen an renommierten Bühnen wie dem Mousonturm Frankfurt, dem Staatstheater Wiesbaden oder dem Schauspiel Frankfurt spannte sich der Bogen ihres Schaffens. Auch ihre Arbeit im Frankfurter Goethehaus sowie als Synchronsprecherin fand ihren Platz – stets mit einem Augenzwinkern präsentiert. Die besondere Nähe der Laudatoren zur Preisträgerin war spürbar: Seit ihrem gemeinsamen Beginn bei den Burgfestspielen Bad Vilbel 1999 verbindet sie eine enge künstlerische Zusammenarbeit. „Ohne Pirkko fehlt was“, brachte es Quast auf den Punkt. Und genau dieses „Etwas“ – eine Mischung aus Spielfreude, Mut und kreativer Unberechenbarkeit – prägte den gesamten Abend.
Bürgermeister Max Breitenbach verzichtete bewusst auf lange Ausführungen und brachte es knapp auf den Punkt: Kultur müsse man erleben. Und genau das geschah an diesem Abend in vielfältiger Weise. Ein Ensemble um Hans-Kaspar Scharf sorgte für musikalische Akzente, weitere Gruppen ergänzten das Programm, und auch der Chor Cantiamo des Männerchor Dudenhofen, in dem Cremer selbst singt, war Teil des Geschehens. Eine Ausstellung mit skurrilen, humorvollen Bildern gab zusätzliche Einblicke in ihre kreative Welt. Am Ende stand eine sichtlich bewegte Preisträgerin auf der Bühne, nahm Urkunde und Glückwünsche entgegen und trug sich ins Goldene Buch der Stadt ein.
Der langanhaltende Applaus zeigte: Diese ungewöhnliche, lebendige Form der Kulturpreisverleihung traf genau den richtigen Ton – und dürfte dem Publikum noch lange in Erinnerung bleiben.
(Text: ah)
