Ein Markt im Wandel

Paul Huelsmann ist Vorstandsvorsitzender der FINEXITY Group und treibt als Experte für tokenisierte Finanzinstrumente die Modernisierung der Kapi­talmärkte in Europa sowie im Nahen Osten voran. Zudem ist er Mitglied des Börsenrats der Börse München und beteiligt sich aktiv am strategischen Dialog zu Marktstruktur und regulatorischer Entwicklung. (Foto: FINEXITY Group)
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Anlegerwissen: In fünf Jahren werden Sie Aktien anders handeln als heute- und wahrscheinlich öfter, als Sie denken

Kapitalmärkte verändern sich nicht über Nacht, aber wenn sie sich verändern, dann grund­legend. Der Übergang vom Parkett­handel zum elektronischen Handel war ein solcher Moment. Prozesse wurden schneller, Märkte globaler, der Zugang einfacher.


Heute stehen wir vor der nächsten Entwicklungsstufe. Aktien, Anleihen und Fonds werden zunehmend vollständig digital abgebildet und gehandelt. Unter dem Begriff Tokenisierung entsteht eine Infrastruktur, in der Kauf, Verkauf und Abwicklung nahezu gleichzeitig erfolgen.

Der Internationale Währungsfonds beschreibt diese Entwicklung als strukturelle Veränderung der Finanzmarktarchitektur. Es geht nicht mehr nur um Effizienz, sondern um die Frage, wie der Handel mit Wertpapieren künftig organisiert ist.

Warum das bestehende System an Grenzen stößt

Das heutige Börsensystem ist leistungsfähig, aber nicht frei von Reibung. Zwischen dem Kauf einer Aktie oder Anleihe und der finalen Abwicklung liegen häufig ein bis zwei Tage. Mehrere Intermediäre sind notwendig, um Transaktionen zu bestätigen und abzuschließen.
In einer digital vernetzten Welt wirkt dieses Modell zunehmend aus der Zeit gefallen. Informationen entstehen rund um die Uhr, der Handel mit Wertpapieren findet jedoch weiterhin innerhalb fester Börsenzeiten statt. Diese Diskrepanz wird immer sichtbarer.

Wenn Märkte nicht mehr warten

Besonders deutlich wird das in Phasen erhöhter Unsicherheit. Wenn relevante ­Ereignisse ­außerhalb der Handelszeiten stattfinden, können Aktien, ­Anleihen oder Fonds zunächst nicht über klassische Börsen gehandelt werden. In solchen Momenten verlagert sich die Preisbildung zunehmend auf ­digitale Handelsinfrastrukturen, die unabhängig von Börsen­öffnungszeiten funktionieren. Preise entstehen dort in Echtzeit, während traditionelle Märkte noch geschlossen sind. Wenn die Börsen öffnen, reagieren sie häufig nur noch.
Das ist kein Randphänomen. Es ist ein Hinweis darauf, dass sich der Ort der Preisbildung verschiebt.

Der 24/7-Handel wird zur ­neuen Normalität

Vor diesem Hintergrund entwickelt sich ein Merkmal zunehmend zum Standard: die kontinuierliche Handelbarkeit von Wertpapieren. Der Internationale Währungsfonds weist darauf hin, dass Tokenisierung nicht nur Prozesse beschleunigt, sondern auch die Mechanik von Liquidität, Risiko und Vertrauen verändert. Märkte reagieren schneller, Abwicklungen erfolgen nahezu in Echtzeit.

Für Anleger bedeutet das konkret: Aktien, Anleihen und Fonds werden perspektivisch nicht mehr nur zu festen Zeiten gehandelt, sondern jederzeit. Märkte pausieren nicht mehr.

Was sich für Anleger konkret verändert

Diese Entwicklung bleibt nicht abstrakt. Sie verändert den Alltag von Anlegern. Aktien können künftig unabhängig von klassischen Börsenzeiten gehandelt werden. Anleihen werden schneller abgewickelt, ohne mehrtägige Verzögerung. Fondsanteile könnten perspektivisch kontinuierlich handelbar werden, statt nur einmal täglich bewertet zu werden. Gleichzeitig steigt die Geschwindigkeit, mit der sich Preise an neue Infor­mationen anpassen.

Das hat zwei zentrale Konsequenzen. Erstens: Handelszeiten verlieren an Bedeutung. Entscheidungen sind nicht mehr an Öffnungszeiten gebunden. Zweitens: Märkte reagieren unmittelbarer. Kursbewegungen entstehen schneller und können sich schneller fortsetzen.
Der Handel wird einfacher zugänglich – aber anspruchsvoller in der Umsetzung.

Ein Markt im Übergang

Diese Transformation wird nicht abrupt erfolgen. Bestehende Börsenstrukturen werden sich weiterentwickeln, während neue Systeme parallel entstehen. So wie der elektronische Handel den Parketthandel schrittweise ersetzt hat, wird auch diese Entwicklung Zeit benötigen. Entscheidend ist jedoch die Richtung. Der Handel mit Aktien, Anleihen und Fonds bewegt sich klar in Richtung Echtzeit und permanente Verfügbarkeit.

Was Sie jetzt beachten sollten

Für Sie als Anleger ergibt sich daraus eine zentrale Frage: Wie gehen Sie mit einem Markt um, der jederzeit geöffnet ist?

Die Antwort liegt nicht darin, häufiger zu handeln. Im Gegenteil. In einem Markt, der permanent reagiert, wird Disziplin wichtiger als Aktivität. Wer versteht, wie sich die Struktur des Handels verändert, trifft bessere Entscheidungen. Nicht, weil er schneller ist – sondern weil er einordnet, was passiert.

Denn die eigentliche Veränderung findet nicht auf dem Bildschirm statt. Sondern im System dahinter.

Und genau dieses System wird gerade neu gebaut.

Treten Sie in Dialog mit mir

Wenn Sie sich intensiver mit diesen Entwicklungen beschäftigen oder Ihre Perspektive teilen möchten, freue ich mich über den Austausch unter support@finexity.com.

(Text: Paul Huelsmann)