Die Konjunktur kommt nicht in Gang. Die Geschäfte laufen wieder schlechter als zu Jahresbeginn, und die gestiegenen Energiepreise infolge des Iran-Kriegs verstärken die Sorgen der Unternehmen. So lauten die zentralen Erkenntnisse der Konjunkturumfrage der IHK Darmstadt im Frühsommer.
Die wirtschaftliche Stimmung in Südhessen hat sich gegenüber Jahresbeginn deutlich verschlechtert. Zu diesem Ergebnis kommt die aktuelle Konjunkturumfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK) Darmstadt Rhein Main Neckar, für die rund 900 Unternehmen aus der Region befragt wurden. Die Industrie stagniert und kann keine zusätzlichen Aufträge generieren. Der Einzelhandel berichtet von zurückhaltenden Kunden und sieht die Zukunft mit Sorge. Der Dienstleistungssektor beklagt ebenfalls rückläufige Geschäfte.
Geschäftsklimaindex weiter unter Wachstumsschwelle
Der IHK-Geschäftsklimaindex fasst Lage und Erwartung der Unternehmen zusammen. Gegenüber Jahresbeginn 2026 verliert der Index acht Punkte. Mit aktuell 82 Punkten verharrt er deutlich unter der Wachstumsschwelle von 100 Punkten. Nur 17 Prozent der befragten Unternehmen in Südhessen beurteilen ihre Lage als gut; 52 Prozent sehen sie als befriedigend, 31 Prozent als schlecht. Der Saldo aus zufriedenen und unzufriedenen Unternehmen gibt gegenüber Jahresbeginn sieben Punkte ab und liegt mit minus 14 Prozentpunkten tief im negativen Bereich. „Es geht nicht voran mit der Konjunktur. Die Stimmung der Wirtschaft ist gedrückt, die Unsicherheit groß“, bewertet Martin Proba, Geschäftsbereichsleiter Unternehmen und Standort der IHK Darmstadt Rhein Main Neckar, die aktuellen Umfrageergebnisse.
Investitionen auf Eis gelegt
Die Zukunftserwartungen sind schlechter als in der Umfrage zu Jahresbeginn. Nur zwölf Prozent der Unternehmen rechnen mit einer Verbesserung der Situation, 54 Prozent glauben, dass es so bleibt, wie es ist. Jedes dritte Unternehmen (34 Prozent) befürchtet eine weitere Verschlechterung. Damit liegt der Saldo aus positiven und negativen Erwartungen bei minus 22 Prozentpunkten (minus acht Punkte gegenüber Jahresbeginn). „Viele Unternehmen zögern mit Investitionen, da die Unsicherheiten zu groß sind. Ob US-Zollchaos, Energiepolitik oder Reformpaket der Bundesregierung – es fehlt an Planungssicherheit. Niemand betritt gern ein Spielfeld, wenn die Regeln nicht feststehen“, erläutert Peter Kühnl, Konjunkturexperte der IHK Darmstadt, die Situation. So wollen nur 22 Prozent der Unternehmen mehr investieren, während 38 Prozent angeben, dass sie kürzen müssen. Bei Einstellungen sind die Unternehmen ebenfalls zurückhaltend.
Qualität der Wirtschaftspolitik, Inlandsnachfrage und Energiepreise stellen die größten Risiken dar
Erstmals seit Herbst 2024 sehen die südhessischen Unternehmen wieder die Wirtschaftspolitik als größtes Risiko für die weitere wirtschaftliche Entwicklung. Dies gaben beinahe zwei Drittel (64 Prozent) der Betriebe an, zwei Prozentpunkte mehr als zu Jahresbeginn. „Die Unternehmen brauchen bessere und verlässliche Rahmenbedingungen. Sie erwarten, dass die Politik endlich liefert“, ordnet Geschäftsbereichsleiter Proba ein.
Als zweitgrößtes Risiko sehen die südhessischen Unternehmen die Inlandsnachfrage. Diese Auffassung äußern 62 Prozent der Unternehmen (minus fünf Punkte). „Die Mittel aus dem Sondervermögen bewirken Nachfrageimpulse. Die Mittel ersetzen aber nicht die dringend benötigten Reformen“, sagt Proba.
Die deutlichste Veränderung zeigt sich bei den Energie- und Rohstoffpreisen: Gegenüber Jahresbeginn ist die Risikonennung sprunghaft um 15 Prozentpunkte auf 61 Prozent gestiegen. „Dies spiegelt den Preisschock bei Öl und Benzin im Zuge des Iran-Kriegs wider. Unternehmen schätzen das Risiko hoher Energiepreise als fast so hoch ein wie während der Energie- und Gaspreiskrise in den Jahren 2022 und 2023“, erläutert Martin Proba. „Wir brauchen deshalb endlich wettbewerbsfähige und verlässlich planbare Energiepreise durch niedrigere staatliche Preisbestandteile und mehr Tempo beim Ausbau der erneuerbaren Energien und des Netzes. Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit sind zwei Seiten der gleichen Medaille.”
Angesichts der Vielzahl an Krisen und Risiken sieht IHK-Geschäftsbereichsleiter Martin Proba die Politik in der Pflicht: „Das Zeitfenster für mutige Reformen in den Bereichen Bürokratie, Steuern, Energiepolitik und soziale Sicherung ist jetzt. Flickschusterei, Symbolpolitik und Klein-Klein verstärken die Verunsicherung und damit die Zurückhaltung von Unternehmen.“ Zudem sei zu beachten, dass es Staatsverschuldung nicht umsonst gebe. Steigende Zinslasten werden in den nächsten Jahren einen immer größeren Teil der Steuereinnahmen binden. So werden sich die Zinsausgaben des Bundes in den nächsten vier Jahren von derzeit rund 30 Milliarden Euro auf schätzungsweise 79 Milliarden Euro pro Jahr mehr als verdoppeln. „Das macht es umso dringlicher, mithilfe von nachhaltigen Reformen zurück in die Wachstumsspur zu gelangen. Nur eine wachsende Wirtschaft generiert die Steuereinnahmen, die wir zur Finanzierung unserer Schulden und zur Wahrung unseres Wohlstands brauchen. Dass unser Land mutige Reformen kann, hat es mit der Agenda 2010 schon einmal bewiesen“, ordnet Proba ein.
(Text: PM IHK Darmstadt Rhein Main Neckar)

