Warum große Fußballturniere auch ein Anlass sind, über häusliche Gewalt zu reden
Die Fußball-Weltmeisterschaft in drei Ländern ging nach 39 Turniertagen vor Kurzem zu Ende. Für viele Menschen weltweit waren die vergangenen Wochen ein Fußballfest mit spannenden Spielen, gemeinsamen Erlebnissen und großen Emotionen. Doch leider haben große Sportereignisse neben der Euphorie und positiven Energie auch eine Schattenseite, denn internationale Studien weisen auf eine Zunahme häuslicher Gewalt, von der überwiegend Frauen betroffen sind, rund um große Sportereignisse wie EM und WM hin.
Eine Untersuchung aus Großbritannien, die Notrufdaten aus dem Großraum Manchester über acht Jahre ausgewertet hat, zeigt einen deutlichen Anstieg häuslicher Gewalt nach bedeutenden Fußballspielen. Besonders deutlich war dieser, wenn Alkohol eine Rolle spielte. Auch Daten aus Deutschland weisen in eine ähnliche Richtung: Nach Angaben der Berliner Polizei stieg die Zahl der angezeigten Fälle häuslicher Gewalt während der ersten drei Wochen der Fußball-Europameisterschaft 2024 im Vergleich zu den drei Wochen davor um fast sieben Prozent und während der aktuellen Weltmeisterschaft um mehr als 22 Prozent.
Ein Fußballspiel macht niemanden gewalttätig
Fußball ist allerdings nicht die Ursache von Gewalt. Ein Fußballspiel macht niemanden gewalttätig. Die Studien zeigen vielmehr, dass bestimmte Situationen bestehende Konflikte und Risikofaktoren verstärken können. Dazu gehören beispielsweise erhöhter Alkoholkonsum, emotionale Anspannung, Frustration oder auch die veränderten Alltagssituationen während der Ferien. Dabei sind starke Emotionen wie Freude, Enttäuschung oder Ärger zunächst ein normaler Teil von Wettbewerb und Zusammenleben. Entscheidend ist, wie Menschen mit diesen Gefühlen umgehen und welche Vorstellungen von Konfliktlösung, Beziehungen und Männlichkeit dabei wirken.
„Große Sportereignisse aktivieren Emotionen und können bestehende Konflikte und Risikofaktoren verstärken. Die Ursachen von Gewalt liegen jedoch tiefer und gründen meist in Kindheit, Erfahrungen und grundsätzlich Sozialisation. Dazu gehört daher auch die Fragen, nach den zugrundeliegenden Vorstellungen von Männlichkeit und vom Umgang mit Emotionen individuell, aber auch in unserer Gesellschaft wirken. Wenn Wut, Frustration oder Konflikte mit dem Anspruch verbunden sind, Kontrolle und Dominanz auszuüben, können gewaltfördernde Dynamiken entstehen. Deshalb müssen wir über Geschlechterbilder, Beziehungen und Macht sprechen“, sagt Luzia Rott, Fachreferentin für die Umsetzung der Istanbul-Konvention beim städtischen Frauenbüro.
„Prävention ist mehr, als Wissen zu vermitteln”
Genau an diesem Punkt setzt die Istanbul-Konvention an: Das Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt verpflichtet Länder und Kommunen dazu, Gewalt nicht erst dann zu bekämpfen, wenn sie bereits passiert ist, sondern ihr durch umfassende Prävention entgegenzuwirken. Hierzu gehört, die gesellschaftlichen Ursachen von Gewalt in den Blick zu nehmen, Jungen und Männer aktiv einzubeziehen und bereits früh mit Kindern und Jugendlichen an Themen wie Gleichberechtigung, Respekt, dem Umgang mit Konflikten und einem gewaltfreien Miteinander zu arbeiten. „Prävention ist mehr, als Wissen zu vermitteln. Es geht darum, Haltungen zu verändern, Fähigkeiten für einen respektvollen Umgang miteinander zu stärken und Strukturen zu schaffen, die ein gleichberechtigtes und gewaltfreies Zusammenleben ermöglichen. Gewaltprävention kann dabei nicht allein Aufgabe von Betroffenen sein, auch Männer, Institutionen und das soziale Umfeld tragen Verantwortung, wenn Gewalt passiert“, so Rott. Daher sieht sie in großen Sportereignisse auch eine Chance: Denn sie erreichen viele Menschen und schaffen öffentliche Momente, in denen gesellschaftliche Fragen verhandelt werden können. „Sport ist ein wichtiger Teil unserer Gesellschaft und kann dazu beitragen, Werte wie Respekt, Fairness und Gleichberechtigung zu stärken.“
Für die Stadt Offenbach liegen aktuell keine belastbaren Daten zum eventuellen Anstieg häuslicher Gewalt während der WM vor. „Das bedeutet allerdings nicht, dass es hier nicht mehr Übergriffe gegeben hat. Gerade bei häuslicher Gewalt wissen wir, dass viele Taten nicht oder erst verspätet angezeigt werden. Die Dunkelziffer ist enorm hoch, sodass sich Entwicklungen nicht immer unmittelbar in polizeilichen Statistiken widerspiegeln“, erklärt Rott. Neben der wichtigen Präventionsarbeit, die darauf abzielt, Gewalt grundsätzlich anzugehen und zu verhindern, brauche es auch Strukturen, die Betroffene stärken und ihnen den Weg aus Gewaltverhältnissen ermöglichen. Wir müssen betroffene Mädchen und Frauen stärken, Unterstützung in Anspruch zu nehmen und Gewalt anzuzeigen – wenn sie dazu bereit sind. Gleichzeitig müssen auch Menschen im Umfeld sensibilisiert werden, hinzusehen, zu unterstützen und bei Bedarf Hilfe zu vermitteln. Dafür braucht es ein gut erreichbares Hilfesystem und eine Gesellschaft, die Gewalt gegen Frauen nicht akzeptiert“, fordert die Fachreferentin für die Umsetzung der Istanbul-Konvention.
Hilfsangebote in Offenbach
Frauen* und Kinderhaus (Frauen helfen Frauen e.V.): Rufnummer: 069 – 88 61 39
Beratungsstelle bei häuslicher Gewalt (Frauen helfen Frauen e.V.): Rufnummer: 069 – 81 65 57
Beratung bei Vergewaltigung und sexualisierter Gewalt (pro familia): Rufnummer: 069 – 85 09 680 22
Bundesweit
Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen (rund um die Uhr erreichbar, 18 Fremdsprachen): 116 016
(Text: PM Stadt Offenbach)


