Oberbürgermeister und Kulturdezernent Hanno Benz und Stadtplanungsdezernent Paul Georg Wandrey nutzen eine grundlegende Überprüfung, um Vermittlung, Organisation und Finanzierung des Welterbe-Auftrags auf eine tragfähige, integrierte Grundlage zu stellen.
Die Wissenschaftsstadt Darmstadt stoppt den geplanten Neubau eines Informationszentrums auf der Mathildenhöhe und verhängt ein zunächst zeitlich befristetes Moratorium. Die gewonnene Zeit soll genutzt werden, um die Vermittlung des UNESCO-Welterbes auf eine neue, integrierte Grundlage zu stellen. Das haben Oberbürgermeister und Kulturdezernent Hanno Benz und Stadtplanungsdezernent Paul Georg Wandrey am Montag (17.) mitgeteilt und dazu eine Magistratsvorlage (Nr. 2026/0100) vorgestellt.
Seit den ersten Überlegungen zu einem Besucherzentrum im Jahr 2016 haben sich die Rahmenbedingungen für die Mathildenhöhe grundlegend verändert. Im damals erstellten Tourismuskonzept war man der Auffassung, dass mit einem Besuchs- und Informationszentrum dem Vermittlungsauftrag der UNESCO am besten Rechnung getragen würde. 2019 wurde dann nach einer 2017 durchgeführten Standortuntersuchung und einem Realisierungswettbewerb beschlossen, ein Besucher- und Informationszentrum mit 1.500 Quadratmeter Nutzfläche für rund 6,2 Millionen Euro auf dem Osthang zu realisieren.
Mit der Aufnahme in die UNESCO-Welterbeliste 2021 wurden diese Pläne seitens der UNESCO bzw. ICOMOS kritisiert und verbindliche Auflagen zu Bauflächen, Höhenentwicklung und Gestaltung wirksam, die eine weitgehende Neuplanung und eine Reduzierung der Dimension erforderlich machten.
Diese vor allem in den Jahren 2022 und 2023 durchgeführte Neukonzeption führte aber nicht zu einer Reduktion der Baukosten, sondern zu einer deutlichen Erhöhung auf circa 21 Millionen Euro.
Im Zuge der vertieften Befassung mit dem Projekt zeigt sich auch: Nicht jede Weichenstellung auf dem bisherigen Weg hat sich als gleichermaßen zielführend erwiesen. Insbesondere wurde die städtebauliche und architektonische Konkretisierung recht früh vorangetrieben, bevor ein aus einem eigenständigen Vermittlungskonzept abgeleitetes Raumprogramm vollständig vorlag – ein Umstand, der sich erst im Rückblick in seiner Tragweite gezeigt hat und der jetzt Anlass für die Neuausrichtung ist.
Diese Prüfungen haben eines deutlich gemacht: Eine punktuelle Anpassung des bestehenden Entwurfs reicht nicht mehr aus, um den veränderten Anforderungen gerecht zu werden.
Angesichts der parallelen Sanierungsbedarfe und der Verantwortung für einen sorgsamen Umgang mit städtischen Mitteln ist jetzt der richtige Zeitpunkt, die Grundsatzfrage neu zu stellen, statt einen einzelnen Bauentwurf weiter fortzuschreiben: Was braucht die Mathildenhöhe an Vermittlung wirklich – und wie lässt sie sich sinnvoll mit vorhandener Infrastruktur sowie mit den benachbarten Welterbestätten Grube Messel und Kloster Lorsch zu einem regionalen Gesamtkonzept verbinden?
Der Investitionsbedarf für den Erhalt der Mathildenhöhe selbst ist gewachsen: Allein für die Sanierung des Oberhessischen Hauses, des Ernst-Ludwig-Hauses, des Hochzeitsturms, des Bacchusbrunnens und weiterer Bauwerke stehen rund 15,6 Millionen Euro an. Vor diesem Hintergrund hat die Verwaltung bereits 2025 eine Prüfung von Einsparpotenzialen beauftragt und den Welterbe-Beirat 2025 ausdrücklich gebeten, den Entwurf unter Kostengesichtspunkten neu zu bewerten. Damals wollte man noch an dem bereits geänderten Entwurf festhalten.
Nachdem bekannt wurde, dass es aber bisher kein Vermittlungskonzept gibt und dazu erst im Haushalt 2027 Mittel eingestellt werden müssen sowohl für Konzeption als auch Realisierung, hat sich die Stadt nun entschlossen das Projekt aufgrund der schwierigen Haushaltslage in dieser Form der Planung zu beenden – auch vor dem Hintergrund, dass vergleichbare Besucher- und Informationszentren in Mainz (fünf Millionen Euro) und Bamberg (neun Millionen Euro) wesentlich kostengünstiger realisiert wurden.
Oberbürgermeister und Kulturdezernent Hanno Benz erklärt dazu: „Die Mathildenhöhe ist UNESCO-Welterbe. Daraus folgt für uns ein klarer Auftrag: Wir müssen diesen außergewöhnlichen Ort schützen, verständlich machen und verantwortungsvoll in die Zukunft führen. Wir haben nicht erst jetzt gehandelt: Bereits 2025 haben wir eine Prüfung von Einsparmöglichkeiten beauftragt, im vergangenen Jahr haben wir den Welterbe-Beirat um eine Bewertung von Dimension und Kosten gebeten. Im Rückblick zeigt sich dabei auch, dass es folgerichtiger gewesen wäre, das Vermittlungskonzept von Anfang an vor die bauliche Planung zu stellen. Genau diese Erkenntnis ziehen wir jetzt konsequent: Wir stellen die Reihenfolge richtig, bevor weitere Mittel gebunden werden.“
Der Oberbürgermeister weiter: „Unser Vorgehen ist fachlich begründet, weil ein belastbares Vermittlungskonzept fehlt und wesentliche Anforderungen an Inhalte, Zielgruppen, Formate und Funktionen bislang nicht systematisch hergeleitet wurden. Es ist organisatorisch begründet, weil die Steuerung der Welterbestätte fragmentiert ist und die bisherigen Zuständigkeiten keine hinreichend klare Gesamtverantwortung erkennen lassen. Es ist wirtschaftlich begründet, weil die Investitions- und Folgekosten weiterhin nicht belastbar abschätzbar sind und zugleich erhebliche Sanierungsbedarfe mit hoher Priorität bestehen.“
Nach Auffassung von Benz und Wandrey ist ein Informationszentrum ein Baustein der Welterbe-Vermittlung – aber nicht automatisch ihre alleinige oder vorrangige Form. Die gewonnene Zeit soll genutzt werden, um zunächst zu klären, was die Mathildenhöhe an Vermittlung tatsächlich braucht, bevor über Art und Umfang eines Gebäudes entschieden wird.
Für beide Dezernenten steht fest, dass die Stadt aus den aktuellen Vorgängen die richtigen Konsequenzen für die Zukunft ziehen muss. „Die künftige Projektplanung der Stadt darf nicht mehr auf Maximalforderungen und den höchsten Standards basieren – das Prinzip ‚Wünsch-Dir-Was‘ ist endgültig vorbei. Ein seriöses Baumanagement beginnt nicht mit der Architektur, sondern beim Geld. Wir werden für alle zukünftigen Vorhaben eine strikte und unumstößliche Budgetdeckelung vor Planungsbeginn verankern. Das bedeutet: Erst ermitteln wir den finanzierbaren Rahmen inklusive aller Baunebenkosten und eines verbindlichen 15-prozentigen Risikopuffers für Unvorhergesehenes. Erst danach passen wir das Projekt diesem Kostenrahmen an, nicht umgekehrt. Nur durch diese strikte Budgettreue und eine faktenbasierte Finanzplanung sichern wir die Handlungsfähigkeit unserer Stadt und gehen verantwortungsvoll mit Steuergeldern um“, so Benz und Wandrey.
OB Benz und Stadtrat Wandrey ergänzen: „Mit dem Welterbe-Titel und den damit verbundenen Auflagen zu Bauflächen und Gestaltung hat sich der Rahmen für dieses Projekt seit 2016 mehrfach verändert. Im Moment ist es nicht sicher, dass es bei den 21 Millionen Euro Baukosten bleibt. Das ist der Moment, an dem eine verantwortungsvolle Verwaltung innehält und die Gesamtsituation neu bewertet, statt einen einmal begonnenen Weg unreflektiert fortzusetzen. Aus heutiger Sicht wäre ein noch stärker vom Vermittlungskonzept her gedachter Auftakt wünschenswert gewesen; genau das holen wir jetzt nach. Die weitere Entscheidung muss vom eigentlichen fachlichen Auftrag der Welterbe-Vermittlung her getroffen werden – als integriertes Konzept, das vorhandene Strukturen in der Umgebung ebenso einbezieht wie die Region, etwa die Grube Messel und das Kloster Lorsch.“
„Diese Zäsur ist kein Verzicht auf Vermittlung und keine Abkehr vom Welterbe-Auftrag“, betonen beide. „Sie ist der notwendige Schritt, um Vermittlung, Organisation und Finanzierung dieses Projekts angesichts veränderter Rahmenbedingungen und begrenzter Mittel auf eine tragfähige Grundlage zu stellen. Denn selbst das beste Gebäude beantwortet nicht, ob sich die Menschen in unserer Stadt mit diesem Welterbe identifizieren und ob wir diesen Titel für Darmstadt als Ganzes nutzen. Das sind Fragen, die vor jeder Bauentscheidung geklärt werden müssen – und genau das ist angesichts der Haushaltslage jetzt der verantwortungsvolle Weg.“
Die nächsten Schritte
Ein koordiniertes Fachkonzept für die Welterbe-Vermittlung erarbeiten, das vorhandene Strukturen in der Umgebung sowie die regionale Klammer zu Grube Messel und Kloster Lorsch einbezieht, ein Konzept zur Stärkung der Identifikation der Stadtgesellschaft mit der Mathildenhöhe entwickeln, die touristische Vermarktung des Welterbe-Titels in die gesamtstädtische Kommunikationsstrategie integrieren, die Varianten für ein Informationszentrum ergebnisoffen prüfen – zentral, dezentral, digital oder temporär, und auf dieser Grundlage eine belastbare politische Entscheidung über einen möglichen Neubau treffen.
Ziel ist ein integriertes Welterbe-System für die Mathildenhöhe als gesamtstädtische und regionale Aufgabe – zur wirksamen Vermittlung ihres außergewöhnlichen universellen Werts, zur Stärkung des Schutzes der Stätte und zur Entfaltung eines nachvollziehbaren Nutzens für die Wissenschaftsstadt und die Region.
Auch der Osthang soll weiterentwickelt werden und auf eine fachlich, denkmalpflegerisch, landschaftlich, wirtschaftlich und organisatorisch tragfähige Grundlage gestellt werden. Zu dieser Weiterentwicklung gehört eine maßvollere und besser integrierte Bebauung. Ein Ort, der sich in Topographie, Vegetation und Denkmalraum einfügt. Ein Ort, der nicht dominiert, sondern sich in die Umgebung einfügt.
(Text: PM Wissenschaftsstadt Darmstadt)

