Die mutmaßliche gemeinschaftlich begangene Vergewaltigung einer 63-jährigen Frau Ende Juli auf dem Marktplatz hat in Offenbach große Bestürzung ausgelöst. Dass eine Frau auf einem der belebtesten Plätze der Stadt Opfer einer solchen Tat geworden ist, macht fassungslos. Der Fall hat weit über Offenbach hinaus eine öffentliche Debatte ausgelöst. Diese Debatte ist aus Sicht von Stadträtin Helena Wolf wichtig. Sie dürfe jedoch nicht dort stehen bleiben, wo viele Diskussionen nach solchen Taten beginnen: bei den Tätern, den Ermittlungen oder einzelnen Tatumständen. „So notwendig die strafrechtliche Aufarbeitung ist, so wichtig ist auch die Frage, was dieser Fall über Gewalt gegen Frauen in unserer Gesellschaft insgesamt sichtbar macht“, betont Wolf.
Das Ermittlungsverfahren gegen die drei Tatverdächtigen ist noch nicht abgeschlossen. Täterschaft und strafrechtliche Bewertung müssen bis zu einer möglichen Verurteilung weiterhin als Verdacht bezeichnet werden. Nach den bisher öffentlich gewordenen Informationen sollen drei Männer sexuelle Handlungen an der Frau vorgenommen haben – im Raum steht der Verdacht der gemeinschaftlich begangenen Vergewaltigung. Wegen dieses Vorwurfs befinden sich die drei Tatverdächtigen weiterhin in Untersuchungshaft.
Sollte sich der Verdacht auf eine gemeinschaftlich begangene Vergewaltigung bestätigen, gehört dies zu den schwersten Formen geschlechtsspezifischer Gewalt. Diese rechtlich notwendige Einordnung stellt die Gewalterfahrung der betroffenen Frau dennoch nicht infrage, macht Wolf deutlich: „Die mutmaßliche Vergewaltigung erschüttert uns zutiefst. Unsere Gedanken sind unverändert bei der betroffenen Frau. Unabhängig davon, was zuvor geschehen ist und ob Alkohol im Spiel war: Nur ein klares JA heißt JA und auch ein grundsätzliches Einverständnis mit der Situation, kann zu jedem Zeitpunkt in ein NEIN umschlagen“, sagt Wolf.
„Alleine, dass der Verdacht im Raum steht, dass eine solche Tat mitten auf dem Marktplatz – im Herzen unserer Stadt und an einem der öffentlichsten Orte Offenbachs – geschehen konnte, ist unbegreiflich. Frauen müssen sich überall frei und sicher bewegen können. Sollte sich der Verdacht bestätigen, dürfen wir unsere Antwort nicht allein auf die strafrechtliche Aufarbeitung beschränken. Wir müssen darüber sprechen, warum Männer Gewalt gegen Frauen ausüben, wie wir diese Gewalt verhindern und wie wir Betroffene bestmöglich versorgen und unterstützen können“, so Wolf.
Mehr als ein Einzelfall
Mit Blick auf den jüngsten Vorfall vom vergangenen Wochenende am Marktplatz wird klar, dass sexualisierte Gewalt leider kein Randthema ist: Viele Frauen und Mädchen erleben diese alltäglich in vielen Formen und Ausprägungen. Deshalb darf die öffentliche Debatte auch aus Sicht des städtischen Frauenbüros nicht bei diesem Vorfall enden, der sichtbar macht, was fernab der öffentlichen Aufmerksamkeit stattfindet. Sexueller Missbrauch geschieht häufig Zuhause und damit in Räumen, die eigentlich Schutz bieten sollten, heraus aus einem sozialen Nahfeld und vielfach durch Männer, die den Betroffenen bereits bekannt sind.
Nach der Polizeilichen Kriminalstatistik wurden im Jahr 2025 bundesweit 14.454 Vergewaltigungen registriert. Rund 94 Prozent der von Vergewaltigung und sexueller Nötigung Betroffenen sind Frauen. 98,6 Prozent der Tatverdächtigen sind männlich. In rund drei Viertel der Fälle kannten sich Betroffene und Tatverdächtige bereits vor der Tat, häufig handelte es sich um Bekannte, Freunde, (Ex-)Partner oder Verwandte. Diese Zahlen bilden jedoch nur das Hellfeld ab. Ergebnisse der bundesweiten LeSuBiA-Studie („Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag“) des Bundeskriminalamts weisen auf ein erhebliches Dunkelfeld hin: Weniger als zehn Prozent der Betroffenen sexualisierter Gewalt erstatten überhaupt Anzeige. Viele Frauen sprechen aus Scham, Angst oder Unsicherheit zunächst nicht über das Erlebte, weil sie befürchten, dass ihnen nicht geglaubt wird, sie die Belastungen eines Strafverfahrens vermeiden oder die Kontrolle über das weitere Vorgehen behalten möchten.
Gewaltschutz beginnt nicht erst am Tatort
Der Tatort an einem der tagsüber stärksten frequentierten Plätze in der Stadt rückt die Frage nach der Sicherheit von Frauen im öffentlichen Raum in den Fokus und zeigt gleichzeitig, dass Sicherheit nicht allein durch Kameras, Beleuchtung oder Polizeipräsenz entsteht. Gewaltschutz ist mehr als Überwachung. Er beginnt bereits in der Familie, in Kindergarten, Schule oder grundsätzlich in Räumen, in denen das gemeinsame Miteinander verhandelt und gelernt wird: Die Grenzen des Anderen akzeptieren, Geschlechterstereotype hinterfragen, Verantwortung übernehmen, lernen und verstehen, dass Toleranz, Empathie und Respekt zählen. Öffentliche Räume werden nicht allein durch Technik sicherer, sondern durch gesellschaftliche Haltungen, die Gewalt gegen vulnerable Gruppen, eben Frauen, Mädchen und queere Personen keinen Raum geben.
Sexualisierte Gewalt hat Ursachen
Nach Vorkommnissen wie dem auf dem Marktplatz werden oft schnelle Erklärungen gehandelt: Mal war es der Alkohol oder die Herkunft der Tatverdächtigen. Pia Barth, Fachberaterin der Beratungsstelle für Frauen bei Vergewaltigung und sexualisierter Gewalt der pro familia Offenbach, erlebt das in ihrer täglichen Beratungsarbeit: „Betroffene haben oft nicht nur mit den Folgen der Tat zu kämpfen, sondern auch mit Schuldzuweisungen und Vorurteilen. Wer danach fragt, warum eine Frau an diesem oder jenem Ort war, ob sie Alkohol getrunken hat oder welche Herkunft die Täter haben, verschiebt jedoch den Fokus von der Tat und der Verantwortung der Täter. Wir wissen, dass solche Fragen eine zusätzliche Belastung für die Betroffenen darstellen und sie davon abhalten, sich Unterstützung zu suchen.“
Vergewaltigungen lassen sich fachlich nicht allein mit sexuellen Motiven erklären. Im Mittelpunkt stehen vielmehr Macht, Kontrolle und die Missachtung der sexuellen Selbstbestimmung eines anderen Menschen. Sie stehen damit auch in engem Zusammenhang mit patriarchalen Gesellschaftsstrukturen und Vorstellungen von Männlichkeit, in denen Dominanz, Anspruchsdenken und Grenzüberschreitungen akzeptiert werden. Auch Alkohol taugt nicht als Erklärung, wenn er auch nachweislich die Hemmschwellen sinken lässt. Auch Frauen konsumieren Alkohol, Vergewaltigungen werden trotzdem fast ausschließlich von Männern begangen. Auch hier liegt der entscheidende Unterschied nicht im Alkoholkonsum, sondern in den geschlechtsspezifischen Machtverhältnissen.
Ebenso wenig lässt sich sexualisierte Gewalt mit der Herkunft der Täter erklären. Dies entspricht dem weit verbreiteten Vorurteil, dass Männer nicht-deutscher Herkunft gewalttätiger sind als Männer mit deutschem Pass. Sexualisierte und andere Gewalt gibt es in allen sozialen Milieus, Altersgruppen und Herkunftskontexten. Lediglich beim Geschlecht sind sich alle bundesweiten Statistiken einig, die Täter sind zu 98,6 Prozent männlich.
Hilfe ist da, auch ohne Anzeige
„Viele Betroffene wissen unmittelbar nach einer Vergewaltigung nicht, welche Möglichkeiten ihnen offenstehen oder möchten sich zunächst noch nicht für eine Strafanzeige entscheiden. Aber gerade da ist es wichtig zu wissen: Niemand muss diesen Weg allein gehen. Es gibt Hilfe“, betont Barth.
So bietet in Offenbach die Beratungsstelle für Frauen bei Vergewaltigung und sexualisierter Gewalt der pro familia Offenbach psychosoziale Beratung, Krisenintervention und Begleitung an. Das Angebot ist vertraulich, kostenlos und unabhängig davon, ob sich Betroffene für oder gegen eine Strafanzeige entscheiden. Zudem können sich Betroffene im Rahmen der Medizinischen Soforthilfe nach Vergewaltigung im Sana Klinikum Offenbach und im Ketteler Krankenhaus unkompliziert von geschultem Personal medizinisch versorgen lassen. Gleichzeitig kann eine vertrauliche Spurensicherung stattfinden, auch ohne dass der Fall sofort zur Anzeige gebracht werden muss. Dadurch bleiben wichtige Beweise für einen Zeitraum von drei Jahren gesichert, während Betroffene Zeit gewinnen, in Ruhe über weitere Schritte zu entscheiden.
Gewaltschutz ist auch eine kommunale Verantwortung
„Nach einer Tat wie der auf dem Offenbacher Marktplatz wird verständlicherweise gefragt, wie so etwas passieren konnte“, sagt Dr. Inga Halwachs, Kommunale Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Offenbach. Sie macht deutlich, dass es keine einfache Antwort darauf gibt. „Klar ist aber, dass Gewalt gegen Frauen kein unausweichliches Phänomen ist, sondern es gesellschaftliche Gründe für sie gibt. Genau dort müssen wir ansetzen. Mit nachhaltiger Prävention durch Erziehung und Bildung, die die Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen und Männlichkeitsbildern in den Blick nimmt, und gut erreichbaren Hilfsangeboten, sensibilisierten Fachkräften sowie einer engen Zusammenarbeit aller Institutionen, die mit dem Thema befasst sind. „Genau darin besteht kommunaler Gewaltschutz, wie wir ihn mit der kommunalen Strategie zur Umsetzung der Istanbul-Konvention auf den Weg gebracht haben: Die Stadt Offenbach wird Ende des Jahres erstmals einen gemeinsamen Handlungsrahmen vorlegen, der Maßnahmen aus den Bereichen Prävention, Schutz, Unterstützung und Vernetzung bündelt.“
Federführend dabei war Luzia Rott. Sie ist als Fachreferentin für die Koordinierung der Umsetzung der Istanbul-Konvention im Frauenbüro der Stadt Offenbach verantwortlich. Der aktuelle Fall macht deutlich, warum der kommunale Gewaltschutz dauerhaft gestärkt werden muss: „Gewaltfrei leben in Offenbach, das ist unser Anspruch und Motor. Daher wollen wir die bestehenden Angebote weiterentwickeln, Lücken im Hilfesystem schließen und den Gewaltschutz in Offenbach, im privaten wie auch im öffentlichen Raum, langfristig und systematisch stärken. Die mutmaßliche Vergewaltigung auf dem Offenbacher Marktplatz führt auf schmerzliche Weise vor Augen, warum diese Arbeit wichtig ist. Bei allem Entsetzen muss dieser Fall auch dazu beitragen, den Schutz von Frauen dauerhaft zu stärken. Denn jede Frau hat das Recht, sich jederzeit frei, sicher und gewaltfrei im öffentlichen Raum zu bewegen.“
(Text: PM Stadt Offenbach)


