Ein Ort im LaDaDi, an dem Kinder einfach Kinder sein dürfen

Kinder gestalten ein Fass auf dem Irenenhof in Klein-Bieberau. (Foto: Landkreis Darmstadt-Dieburg)

Projekt auf dem Irenenhof stärkt Kinder aus suchtbelasteten Familien

Lars Smekal weiß, wie es sich anfühlt, wenn die eigene Kindheit von Sorgen, Scham und Hilflosigkeit geprägt ist. Der heute 36-jährige Filmemacher wuchs mit zwei alkoholkranken Eltern auf. Sein Vater war zudem spielsüchtig. Schon früh musste er mit Situationen umgehen, die kein Kind erleben sollte. Er kennt das Gefühl, für die Probleme der Eltern verantwortlich zu sein, die Angst davor, dass andere von den Zuständen zu Hause erfahren, und den Wunsch nach einem ganz normalen, unbeschwerten Alltag. Seine Erfahrungen hat er in dem mehrfach ausgezeichneten Film „Erinnerungen einer vergessenen Kindheit“ verarbeitet.


An einem der Bauernhofnachmittage auf dem Irenenhof in Modautal/Klein-Bieberau war Smekal zu Gast. Dort begegnete er einem Projekt, das Kindern aus suchtbelasteten Familien genau das ermöglichen möchte, was in ihrem Alltag häufig zu kurz kommt: einfach Kind sein zu dürfen. Sechs Kinder nahmen an dem fünftägigen Angebot teil, das die Fachstelle Suchtprävention des Landkreises Darmstadt-Dieburg gemeinsam mit dem Verein Happy Kids e. V. organisiert hatte. Bauernhofnachmittage gibt es auf dem Irenenhof bereits seit längerer Zeit. Neu war die gezielte Ausrichtung auf Kinder aus Familien, in denen eine Suchterkrankung eine Rolle spielt. Damit erprobte der Landkreis das bestehende Format erstmals als Pilotprojekt für diese Zielgruppe. Mit dem Wissen, dass 2/3 der Kinder aus suchtbelasteten Familien später selbst an einer Sucht- oder psychischen Erkrankung leiden, hat die Stärkung dieser Zielgruppe im Rahmen der Suchtprävention einen besonderen Stellenwert. Gefördert wurde das Angebot durch Mittel des Landes Hessen aus dem Programm „Jugend er-leben“.

Tiere fragen nicht nach Problemen

Was die Kinder auf dem Irenenhof erwartete, war vor allem eines: eine Auszeit. Zwischen Pferden, Schweinen, Schafen, Hühnern, Ziegen und vielen anderen tierischen Bewohnern konnten sie ihren Alltag für einige Stunden hinter sich lassen. Sie spielten eine entscheidende Rolle für den Erfolg des Projekts. Denn Tiere haben keine Vorurteile. Sie fragen nicht nach familiären Problemen, bewerten keine Lebensgeschichten und begegnen jedem Menschen unvoreingenommen.

„Kinder aus suchtbelasteten Familien tragen oft eine enorme emotionale Last. Sie fühlen sich für ihre Eltern verantwortlich, entwickeln Schuldgefühle und schämen sich für etwas, das sie überhaupt nicht beeinflussen können. Umso wichtiger sind Orte, an denen sie sich sicher und angenommen fühlen. Die Bauernhofnachmittage haben gezeigt, wie wertvoll solche Erfahrungen für die Kinder sind“, sagt Helen Saborowski von der Fachstelle Suchtprävention, die das Projekt gemeinsam mit ihrer Kollegin Daniela Hinderlich begleitete.

Ein Bauernhof mit ganz viel Herz

Dass der Irenenhof ein solcher Ort sein kann, liegt nicht allein an seinen Tieren. Seit zehn Jahren leben und arbeiten Corinna Ertl und ihr Lebensgefährte Uwe Jelinek auf dem Hof. Ertl ist Vorsitzende des Vereins Happy Kids e. V., der sich insbesondere für schwer und chronisch kranke, beeinträchtigte und traumatisierte Kinder und Jugendliche engagiert. Mit außergewöhnlicher Leidenschaft und viel persönlichem Einsatz kümmern sich die beiden um den Hof, seine Tiere und die Kinder, die hier neue Kraft schöpfen können.

„Es sind oft die kleinen Momente, die uns besonders berühren. Wenn ein Kind plötzlich Vertrauen zu einem Tier fasst, über sich hinauswächst oder einfach von Herzen lacht. Hier muss niemand etwas leisten oder irgendwelchen Erwartungen entsprechen. Die Kinder dürfen einfach sein, wie sie sind. Genau dafür machen wir das“, sagt Corinna Ertl.

Für die Fachstelle Suchtprävention war die Woche zugleich ein wichtiger Praxistest: Die Erfahrungen aus dem Pilotprojekt sollen nun ausgewertet und genutzt werden, um zukünftig gezielt ein Gruppenangebot für Kinder aus suchtbelasteten Familien zu entwickeln.

„Gerade Kinder, die zu Hause viel Verantwortung oder Unsicherheit erleben, brauchen verlässliche Orte, an denen sie einfach Kind sein können“, sagt Saborowski. „Mit dem Pilotprojekt wollten wir genau einen solchen Raum schaffen – und zugleich Erfahrungen sammeln, wie wir betroffene Kinder künftig noch besser erreichen und unterstützen können.“

(Text: PM Landkreis Darmstadt-Dieburg)