Früh hinsehen, Gewalt vorbeugen: Jugendamt des Odenwaldkreises hilft mit breitem Präventionsangebot

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(Foto: Saskia Hofmann/Kreisverwaltung)

Mehr Selbstsicherheit für Kinder, mehr Kompetenz für Fachkräfte

Kinder brauchen Schutz, Orientierung und verlässliche Begleitung, um gesund und selbstbewusst aufwachsen zu können. Gewalt oder Vernachlässigung dürfen dabei keinen Platz haben. Genau hier setzt die präventive Arbeit des Jugendamts an: Mit vielfältigen Angeboten stärkt es die Persönlichkeit von Kindern und schärft den Blick von Fachkräften für mögliche Kindeswohlgefährdungen.


Die Präventionsarbeit hat drei Säulen: die Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern, die Kinder- und Jugendförderung sowie das Netzwerk Frühe Hilfen. Sie haben jeweils unterschiedliche Schwerpunkte. „Sie eint aber der konsequente Einsatz für ein Umfeld, in dem Kinder gut aufwachsen können“, hebt Landrat Frank Matiaske hervor. „Früh hinzusehen und zu handeln, bevor Probleme entstehen oder sich verfestigen, hilft Kindern, deren Wohl wir verpflichtet sind, am nachhaltigsten“, betont Sandra Veigl. Sie leitet die Beratungsstelle und die Kinder- und Jugendförderung.

„Deswegen nehmen wir Prävention als dauerhaften Auftrag sehr ernst“, sagt Landrat Matiaske, „und beschäftigen uns beispielsweise auch im Jugendhilfeausschuss mit diesem sehr wichtigen Thema.“ Das gelte übrigens auch mit Blick auf die Kreisfinanzen. „Gelingende Prävention baut nämlich vergleichsweise teuren Maßnahmen wie langen sozialpädagogischen Familienhilfen oder gar der Unterbringung von Kindern in stationären Einrichtungen vor.“

Prävention von sexueller Gewalt

Ein Schwerpunkt der Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern ist die Prävention von sexueller Gewalt. Mit dem eigens erstellten Workshop „Starke Kinder“ haben Carmen Mundelius und Gesa Heimann in den vergangenen drei Jahren zehn Kindertagesstätten und sechs Grundschulen mit jeweils drei bis vier Klassen besucht.

Ein zentrales Element dabei ist, Kinder zu ermutigen, über ihren Körper zu sprechen und Empfindungen auszudrücken – besonders, wenn ihre Grenzen verletzt wurden. „Ein Kind spürt oft, wenn ihm Unrecht passiert, muss aber darin gestärkt werden, das zu benennen und sich Hilfe zu holen“, erläutert Heimann. Hier bedeute Prävention, den Kreislauf von Gewalt, Angst, Scham und Schweigen so früh wie irgend möglich zu durchbrechen.
Die Erzieherinnen und Erzieher werden darin geschult, diesen Workshop selbständig anzubieten. Zudem bietet die Beratungsstelle ihnen sowie Lehrkräften an Schulen eigene Fortbildungen an. „Wir möchten damit die Handlungsfähigkeit der Fachkräfte erhöhen“, schildert Gertrud Hemer-Sieverding. „Sie sollen sehr früh erkennen können, wenn ein Kind unter Gewalt leidet, und schnell und sicher reagieren können.“

Über diese Fortbildungen hat die Beratungsstelle in den vergangenen drei Jahren etwas mehr als 3.000 Fachkräfte aus Kitas und Grundschulen erreicht. Hinzu kommen Elternabende, zu denen die Expertinnen eingeladen werden. „Wir werben dabei für ein einen respektvollen, aber auch ungezwungenen Austausch mit Kindern über Sexualität“, so Abteilungsleiterin Veigl. „Nur so kann man sexuellen Missbrauch klar benennen“. In der Erziehung zuhause sowie in Kita und Schule möglichst offen über Sexualität zu sprechen, halten die Expertinnen des Jugendamts aus einem weiteren Grund für unerlässlich: „Sonst überlassen wir Kinder den sozialen Medien, in denen sich schon Zehnjährige ohne weiteres Pornofilme anschauen können, was für die kindliche Entwicklung sehr gefährlich ist“, sagt Hemer-Sieverding.

Wichtig in diesem Zusammenhang ist auch die Mitarbeit der Beratungsstelle im kreisweit tätigen Arbeitskreis „Gegen sexualisierte Gewalt“, in dessen Leitungsteam Mundelius die präventive Arbeit des Netzwerks mitgestaltet.

Beratung bei möglichen Kindeswohlgefährdungen

Ein weiteres wichtiges Arbeitsfeld der Beratungsstelle ist die Unterstützung von pädagogischen Fachkräften, wenn es um mögliche Kindeswohlgefährdungen geht. Hier bei können die Fachkräfte anonymisiert Fälle schildern und bekommen Rat, wie sie weiter vorgehen können. „Auch hier wollen wir Fachkräfte darin bestärken, Warnsignale sehr früh zu erkennen und die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen“, erläutert Veigl. Aus diesem Grund wurden in den vergangenen vier Jahren nahezu alle Teams der Kindertageseinrichtungen im Odenwaldkreis in einer umfassenden Fortbildung zum Thema Kindeswohlgefährdung geschult.

Auch wenn einem Kind bereits in einem Maß Gewalt angetan oder es vernachlässigt worden sein sollte, dass eine mögliche Inobhutnahme im Raum steht, haben auch solche Beratungen für Veigl einen wichtigen präventiven Ansatz. „Denn jede Fachkraft, mit der wir sprechen, trägt diese Erfahrung in ihr Team, so dass unsere Hilfsangebote immer selbstverständlicher genutzt werden.“

Zu diesem Feld der Unterstützung gehört auch die Beratung von Kindertagesstätten, Schulen und Vereinen bei der Erstellung von Schutzkonzepten gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch. „Hier haben wir in den vergangenen Jahren viel geleistet, so dass es nun schon fast überall im Kreis solche Schutzkonzepte gibt“, berichtet Veigl. Solche Konzepte zu haben beziehungsweise zu entwickeln, ist gesetzlich vorgeschrieben.

Wünsche: Schulung für Elterngespräche und Bindungsarbeit

Einen großen Bedarf sieht die Beratungsstelle aber in einer intensiveren Hilfe für Erzieherinnen und Erzieher sowie Lehrkräften für Elterngespräche. „Mit Eltern über mögliche Gewalt- oder Missbrauchserfahrungen ihrer Kinder zu sprechen, ist extrem herausfordernd“, weiß Mundelius. „Hier möchten wir unbedingt ein Fortbildungsangebot entwickeln, was wir bisher wegen des hohen allgemeinen Beratungsaufkommens in unserer Stelle nicht geschafft haben.“

Noch einen zweiten Wunsch haben die Expertinnen: den Ausbau von Angeboten zur Bedeutung der frühen Eltern-Kind-Bindung. Die Beratungsstelle lädt schon seit einigen Jahren gemeinsam mit der Elternakademie des Kreiskrankenhauses zum Elternabend „Sichere Bindung“ ein. „Das müsste noch ausgeweitet werden, auch andernorts“, sagt Veigl. „Denn wenn Eltern um den immensen Wert dieser Bindung kennen, ist das Prävention pur, denn sie gibt Kindern Sicherheit.“

Seit mehr als zehn Jahren Zusammenarbeit im Netzwerk Frühe Hilfen

Auf die ersten Monate und Jahre schaut auch das Netzwerk Frühe Hilfen, das von Jugendamt aus koordiniert wird – und das schon seit 2014. Ein Augenmerk liegt zum Beispiel darauf, dass alle relevanten Institutionen (Beratungsstellen, Frauenarzt- und Kinderarztpraxen usw.) relevante Info-Materialien für Eltern beziehungsweise werdende Eltern haben und ausgeben. Das Netzwerk besteht aus mehreren Organisationen. Über sie gibt es auf der Kreishomepage viele Informationen: www.odenwaldkreis.de, Rubrik „Dienstleistungen“, dann „Leben mit Kindern und Jugendlichen“, „Frühe Hilfen“.

Zu diesen Angeboten gehören zum Beispiel Familienhebammen, die Familien in besonders herausfordernden Situationen beraten – vom Beginn der Schwangerschaft bis zum ersten Geburtstag eines neu geborenen Kindes. Es gibt auch Familienpatenschaften von freiwillig Engagierten. Auf der Kreishomepage sind zudem Anlaufstellen für (werdende) Eltern aufgeführt, die Auskünfte zu bestimmten Leistungen geben, etwa bei Schwangerschaft und Geburt oder zur gesundheitlichen Förderung von kleinen Kindern.

Die Netzwerk-Koordination im Jugendamt lädt jährlich zu Fachveranstaltungen ein, die dem Austausch über wichtige Entwicklungen dienen. Im November 2025 ging es um Kinder in der digitalen Welt; rund 100 Fachkräfte aus Kitas und Grundschulen, von Jugendhilfeträgern, aus Beratungsstellen und der Medizin waren gekommen. Das war auch der letzte Fachtag, den Gertrud Platt-Rossbach veranstaltet hat. Sie hatte das Netzwerk von Anfang an begleitet und ist Ende 2025 in den Ruhestand gegangen. Die Stelle wird nun zeitnah wiederbesetzt.

Intensive Schulung auch für Ehrenamtliche

Ältere Kinder und Jugendliche wiederum steht im Mittelpunkt der Kinder- und Jugendförderung, für die ebenfalls Sandra Veigl zuständig ist. Wer denkt, die Arbeit erschöpft sich in Angeboten zur reinen Freizeitgestaltung, irrt. Für dieses Jahr steht für Jugendliche unter anderem wieder eine Berlin-Fahrt mit politischer Bildung auf dem Programm. Mitarbeitende in der Kinder- und Jugendarbeit können an einem Fachtag zur Prävention rechtsextremer Tendenzen bei Jugendlichen und an einem Workshop zur konstruktiven Gesprächsführung mit Jugendlichen teilnehmen.

Zudem gibt es etliche Projekttage für Schulen, Vereine, Kommunen und Initiativen. Zum Beispiel zu den Feldern Umgang mit Konflikten, Hass im Netz oder Umgang im Klassenverband. „All diese Angebote dienen letztlich der Entwicklung einer stabilen Persönlichkeit und dem Erwerb sozialer Kompetenzen, was immer auch dazu beiträgt, Gewalt vorzubeugen“, so Veigl.

Entscheidend sind für sie in diesem Zusammenhang auch die Schulungen zur Jugendleiter-Card, für die die Kinder- und Jugendförderung anbietet. Diese Karte ist ein bundesweit einheitlicher Ausweis für jene, die ehrenamtlich in der Kinder- und Jungendarbeit tätig sind, und kann erst einer 40-stündigen Ausbildung erworben werden. Zu den Modulen gehören etwa die Themen Kindeswohlgefährdung, Prävention sexueller Gewalt, Leitungskompetenz und Rechtsgrundlagen. „Wir haben also in unserer Präventionsarbeit nicht nur die Hauptamtlichen im Blick, sondern auch die vielen freiwillig Tätigen, ohne die Kinder- und Jugendarbeit im Odenwaldkreis nicht denkbar ist.“

(Text: PM Odenwaldkreis)