Kunstturner des MTV Urberach stiegen vor 25 Jahren in die Bundesliga auf

Daheim in Urberach hat Wolfgang Dreyer unter anderem ein Bild der MTV-Aufstiegsmannschaft an der Wand hängen. (Foto: PS)

In diesem Jahr feiert der MTV Urberach seinen 125. Geburtstag. Beim Festwochenende im Juni werden sicher auch Erinnerungen wach an das letzte große Jubiläum des Vereins und an tolle Turnwettkämpfe in der Halle Urberach. Vor einem Vierteljahrhundert hatte sich der MTV nämlich auch sportlich reich beschenkt. Pünktlich zum 100. Geburtstag stiegen die Kunstturner in die 1. Bundesliga auf.


Dabei kamen die Urberacher eher unvermittelt zu einem Bundesligateam. Der MTV übernahm um die Jahrtausendwende das Startrecht des Zweitligisten TG Frankfurt, deren Verantwortlichen der (finanzielle) Aufwand zu groß geworden war. Der Großteil der Frankfurter Zweitliga-Mannschaft trainierte damals unter Bundestrainer Wolfgang Dreyer am Leistungszentrum des Deutschen Turner Bundes in Frankfurt oder beim hessischen Landestrainer Wolfgang Hambüchen am Stützpunkt in Wetzlar. „Jetzt ging es darum: Wie retten wir die Bundesliga-Mannschaft, wo können wir sie etablieren“, erinnert sich Wolfgang Dreyer, der in seiner neutralen Funktion als Bundestrainer bei der TG Frankfurt ganz bewusst keine Trainerrolle inne hatte, sich nun aber in der Pflicht sah. Der MTV übernahm schließlich das Startrecht. Dreyer, seit vielen Jahrzehnten in Urberach zu Hause, wurde zum Motor des Bundesligateams.

Das Engagement des Vereins war auch deshalb naheliegend, da mit Thomas Greifenstein und Nils Haberstroh zwei Urberacher aus der Frankfurter Trainingsgruppe Dreyers nun für ihren Heimatverein in der Bundesliga turnen durften. Haberstrohs Vater Eugen wurde mit seinem Unternehmen zum Hauptsponsor, weitere Sponsoren kamen hinzu. So hatte das Bundesliga-Abenteuer eine solide finanzielle Basis.

Statt 50 Zuschauer zu Frankfurter Zeiten kamen zu den Wettkämpfen in die Halle Urberach um die 500 Fans. „Wir hatten jedesmal ein volles Haus“, erinnert sich Wolfgang Dreyer, mittlerweile 84, gerne. „Auch wenn ich heute jemanden treffe, der damals als Zuschauer mit dabei war, höre ich oft: Das war eine schöne Zeit“, sagt Dreyer, der später auch Turn-Abteilungsleiter des MTV war und auch heute noch immer samstags das Vereinsangebot „Fitness durch Turnen“ leitet. Der Verein habe voll hinter dem Bundesliga-Start gestanden. Auch das Drumherum passte: Dreyer ließ seine Kontakte spielen und lud viele Ehrengäste ein, es gab auch einen VIP-Raum.

Die sportlichen Erfolge ließen nicht lange auf sich warten. Im Herbst 2000 siegten die Urberacher in allen sieben Rundenkämpfen und gewannen auch die Relegationsrunde um den Bundesligaaufstieg. Mit dabei war auch der vierfache Olympiateilnehmer Ilia Giorgadze. Da in seiner Heimat Georgien die nötigen Trainingsmöglichkeiten fehlten, bereitete sich Giorgadze im Frankfurter Leistungszentrum auf Olympia in Sydney vor und turnte auch für den MTV.

Mit dem Eppertshausener Thomas Seitel gab es im Team einen weiteren Turner aus der unmittelbaren Nachbarschaft. Seitel, der später auch als Akrobat bekannt wurde und mittlerweile mit Helene Fischer verheiratet ist, war im Alter von sieben Jahren von Wolfgang Dreyer bei einer Talentsichtung entdeckt worden. Artjom Kasarian, der mit 13 Jahren mit seiner Familie aus Armenien nach Deutschland gekommen war und heute Turnshows organisiert, gehörte ebenfalls zur Trainingsgruppe am Stützpunkt.

Während Trainer Wolfgang Dreyer bei den Heimwettkämpfen des MTV in die Moderatorenrolle schlüpfte, betreute Wolfgang Hambüchen als Co-Trainer die Sportler an den Geräten. Dessen älterer Sohn Christian turnte ebenfalls für den MTV, ein gewisser Fabian Hambüchen gehörte zumindest zeitweise dem Bundesligakader an. In ganz jungen Jahren kam der spätere Reck-Olympiasieger aber noch nicht zum Einsatz.
Vier Jahre turnte der MTV in der 1. Liga. 2001 dauerte es bis zum fünften Wettkampftag, ehe gegen Halle der erste Saisonsieg gefeiert wurde. Es ging dennoch weiter bergauf – bis in die Bundesliga-Spitze. 2003 erreichte das Team die Endrunde der besten vier Mannschaften und wurde Dritter.

Ende 2004 war dann aber Schluss mit dem Bundesliga-Turnen in Urberach. Wolfgang Dreyer, der in seiner aktiven Zeit mit der TSV Heusenstamm 1965 Deutscher Mannschaftsmeister wurde, war schon einige Zeit zuvor nach 30 Jahren als Bundestrainer in den Ruhestand gegangen. Für den MTV übernahm er weiter Managementaufgaben. Bei Mario Franke, seinem Trainernachfolger am Stützpunkt, der sich auch beim MTV als Trainer bei den Wettkämpfen engagierte, seien die Sportler in guten Händen gewesen, erinnert sich Dreyer. Als Franke dann aufhörte und ein anderer Trainer am Stützpunkt übernahm, sei die Zusammenarbeit dann nicht mehr so gut gewesen. Die Urberacher zogen sich aus der Bundesliga zurück.

Was bleibt, sind reichlich positive Erinnerungen an die Bundesliga-Zeit. Wolfgang Dreyer hat mit vielen seiner ehemaligen Schützlinge aus seiner Bundestrainerzeit, in der er unter anderem Eberhard Gienger betreute, regelmäßig Kontakt. Bei runden Geburtstagen kommen da immer ganze Turnergenerationen zusammen.

(Text: PS)