An der Hand ihrer Mutter Berta, die in der anderen sicherlich den kleinen Koffer trägt, verlässt Rosel Hecht im Oktober 1937, kurz vor ihrem zwölften Geburtstag, ihr Elternhaus, das Schuhgeschäft schräg gegenüber vom „Mortsche“. Die beiden laufen über die Frankfurter Straße, an Marktplatz, Kirche und Rathaus vorbei, zum Bahnhof. Hier endet Rosels letzter Weg durch die Straßen von Ober-Roden, durch das Dorf, in dem sie geboren wurde, wo sie in die „Kinnerschul“ und in die Volksschule gegangen war, wo sie mit ihren Freundinnen gespielt hatte. Das beschauliche Dorf, dass seit vielen Jahrzehnten die Heimat ihrer Familie war. Die zunehmenden Repressionen durch das NS-Regime und seine Handlanger vor Ort haben auch der Familie Kahn zugesetzt. In die Schule darf Rosel nicht mehr gehen. Berta bringt ihre Tochter deshalb nach Frankfurt in ein Heim für jüdische Kinder, da dort der Schulbesuch noch möglich war und das Leben in der Anonymität der Großstadt zunächst sicherer erschien. Rosels Weg in Ober-Roden endet am Bahnhof, rund vier Jahre später endet ihr Lebensweg. Vier Tage nach ihrem 16. Geburtstag wird Rosel mit ihrer Mutter von Frankfurt nach Minsk deportiert, das ist dokumentiert. Hier verlieren sich die Spuren der beiden. Sie sind entweder im Getto der belarussischen Hauptstadt verhungert, erschossen worden oder von dort ins nahe gelegene Vernichtungslager Maly Trostinec verschleppt und ermordet worden.
Zum 100. Geburtstag von Rosel Hecht am 8. November des vergangenen Jahres hatten die Rödermarkfreunde gemeinsam mit der Initiative Stolpersteine im Rothaha-Saal eine Gedenk- und Geburtstagsfeier organisiert. Die Veranstaltung verband Reden, Musik, Film, Hörspiel und Theater zu einem würdigen Erinnerungsformat unter dem Titel „Rosels Weg“. Die Kulturmacher um Oliver Nedelmann und Jacob Garms haben es zu einem berührenden Projekt weiterentwickelt, das am vergangenen Sonntag fast 200 Menschen auf den Spuren von Rosel Hecht in Bewegung bringt.
Vom Marktplatz folgen sie Rosels Weg zum Bahnhof. Unterwegs lernen sie „historische“ Figuren kennen: In kurzen Theaterszenen machen Laiendarstellerinnen – manchmal auch mit einer reichlichen Prise Humor – erfahrbar, wie das damals war in diesem Dorf Ober-Roden und wie das Leben der Kahns eingebettet war in dieses Dorfleben. Nachbarinnen, die sich am Marktplatz über die Kahns unterhalten, die von der Kerb erzählen und von der Kartoffelernte; die Schwestern der „Kinnerschul“, die sich vor der Kirche auch darüber unterhalten, dass zwei jüdische Kinder ihre Einrichtung besuchen; die Anmeldung einer Geburt hinter dem Standesamt; zwei Frauen, die sich hinter der Kulturhalle eine Episode vom Geschehen im Faselstall erzählen. Angeführt und immer wieder weitergeleitet wird der „Gedenkzug“ von Rosel an der Hand ihrer Mutter.
Zum emotionalen Höhepunkt der Aktion wird die letzte Station am Bahnhof. Nach einfühlsamen Geigenklängen von Friederike Nedelmann und einer Einführung ihres Mannes Oliver tragen Schülerinnen und Schüler der Nell-Breuning-Schule Rosels fiktive Tagebuchaufzeichnungen vor, in denen geschildert wird, wie es weiterging – von der Abfahrt am Bahnhof bis ins Vernichtungslager. Es stockt einem der Atem, totenstill wird es zwischen den Geleisen und dem Bahnhofsgebäude, die Stille nur unterbrochen von den Zügen und Bussen.
Pfarrer Klaus Gaebler hält eine Trauerrede, die ihm nicht leichtfalle, auch angesichts der ambivalenten Haltung der Katholischen Kirche während der NS-Zeit. Rosel Hecht sei Teil der Geschichte dieses Ortes. Und man sei in der Pflicht, ihren Namen zu nennen und sie so in die Erinnerung zurückzuholen. Rosel Hechts Schicksal mahne zur Wachsamkeit, gerade angesichts der Angriffe auf Demokratie und Erinnerungskultur in der heutigen Zeit.
Bürgermeister Jörg Rotter zeigt sich zum Schluss „stolz und dankbar, dass so viele Rödermärker heute hier Gesicht gezeigt haben, dass so eine Veranstaltung möglich gemacht wurde“. Sein Dank gilt den Rödermarkfreunden und der Initiative Stolpersteine, aber auch seinen Vorgängern im Bürgermeisteramt, Alfons Maurer und Roland Kern, die die vielfältigen Formen der Erinnerungskultur in Rödermark begründet hätten. „Wir sind in der Pflicht, diesen Teil unserer Geschichte festzuhalten“, betont Rotter, sichtlich bewegt aus Gesprächen mit seiner Großmutter schöpfend. Mit mahnenden Worten hatte der Bürgermeister Rosels Weg auch eingeleitet: „Wir erinnern uns an das, was geschehen ist. Und wir übernehmen Verantwortung dafür, dass Ausgrenzung und Menschenverachtung nicht abermals die Oberhand im sozialen Miteinander gewinnen. Lassen Sie uns deshalb Rosels Weg gehen, mit Aufmerksamkeit, mit Respekt – und im Bewusstsein der historischen und doch stets auch aktuellen Bezüge, auf die ich aufmerksam gemacht habe.“
Zum Abschluss enthüllen die Organisatoren gemeinsam mit dem Bürgermeister und den Ehrenbürgermeistern sowie Roos Poncelet von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ) eine Schautafel mit einer kurzen Beschreibung rund um Rosels Weg. Die erste „memoRail“-Tafel, die die Stiftung gefördert hat. Ihr sollen noch zwölf weitere quer durch ganz Deutschland folgen. Den Projektförderern hatte Bürgermeister Rotter zu Beginn gedankt: Neben der Stiftung EVZ waren dies Wolfram Weimer, der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, der Kreis Offenbach, die Entega-Stiftung, die Sparkasse Dieburg, die Sebastian-Cobler-Stiftung, die Holger-Koppe-Stiftung, der Lions-Club Rodgau Rödermark sowie weitere Firmen und private Spender.
(Text: PM Stadt Rödermark)

