Interdisziplinäres Planungsteam nimmt Arbeit auf
Für die Sanierung der Paulskirche beginnt eine neue Phase: Das Planungsteam für das herausragende Projekt, mit Strahlkraft weit über Frankfurt hinaus, konnte nun beauftragt werden. Die Stadtverordneten hatten zuvor dem Maßnahmenkatalog für die Sanierung zugestimmt – und somit den Weg freigemacht, damit das Verfahren zur Vergabe der Planungsleistungen initiiert und veröffentlicht werden konnte.
Im Rahmen eines öffentlichen Teilnahmewettbewerbs wurden europaweit Architektur- und Ingenieurbüros aufgefordert, sich für die Planung des bedeutenden Kulturdenkmals zu bewerben. Aufgrund der Spezialisierung in den einzelnen Disziplinen wurde sich für eine mittelstandsfördernde Einzelvergabe entschieden und sieben Fachlose gebildet.
115 Planungsbüros haben ihre Bewerbungsunterlagen eingereicht. Nach Prüfung ihrer Eignung anhand festgelegter Kriterien und der vorliegenden Referenzen wurden 31 Büros zur Angebotsabgabe aufgefordert.
Vorbereitend auf das anschließende Verhandlungsverfahren wurden den Büros umfangreiche Unterlagen zur Verfügung gestellt, die federführend durch die Stabsstelle Paulskirche im Rahmen der Projektvorbereitung erarbeitet worden waren. In den anschließenden Bietergesprächen lag der Fokus auf der Darlegung einer überzeugenden Herangehensweise an die komplexe Planungsaufgabe.
Im Ergebnis qualifizierte sich ein Planungsteam, welches zudem über langjährige Erfahrung im Umgang mit anspruchsvollen Sanierungsaufgaben der öffentlichen Hand verfügt. Mit der Beauftragung schafft die Stadt Frankfurt somit die Grundlage, die Planungen für die Sanierung der Paulskirche weiter voranzutreiben.
Oberbürgermeister Mike Josef unterstreicht die Bedeutung des Projekts Paulskirche für die Stadt Frankfurt am Main: „Ich freue mich sehr, dass wir nun vorangehen, die Paulskirche als zentralen Ort unserer Stadt zu sanieren und um ein Haus der Demokratie zu ergänzen. Beide Gebäude werden ein Ensemble bilden und die Paulskirche so zukunftsfähig weiterentwickeln: Als einen Lern-, Gedenk- und Erlebnisort für unterschiedliche Perspektiven, Generationen und gesellschaftliche Gruppen.“
Sylvia Weber, Dezernentin für Bildung, Immobilien und Neues Bauen, und als Baudezernentin zuständig für die Stabsstelle Paulskirche, erläutert, wie sich das Projekt nun weiter konkretisieren wird: „Mit der Beauftragung des Planungsteams beginnt eine entscheidende Phase für die Zukunft dieses bedeutsamen Kulturdenkmals. Wir schaffen damit die Grundlage, das Gebäude in seiner Substanz zu bewahren und Raum für Neues zu öffnen. Unser Ziel ist es, die Paulskirche so zu sanieren, dass dieser besondere Ort auch kommende Generationen inspiriert.“
Für die komplexe Aufgabe wurden in einem geregelten Verfahren Planerinnen und Planer aus Architektur, Tragwerksplanung, Brandschutz, Haus- und Elektrotechnik sowie Akustik und Lichtplanung ausgewählt. Durchgesetzt haben sich renommierte Planungsbüros mit ausgezeichneter Expertise bei der Sanierung hochrangiger Kulturdenkmäler, allen voran das Frankfurter Architekturbüro Wandel Lorch Götze Wach.
Verantwortlich für die Sanierung herausragender Projekte im Kultur- und Sakralbau zeichnet sich das Frankfurter Büro durch eine besondere Sensibilität im Umgang mit historisch bedeutsamen Orten wie beispielsweise der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin, dem Lern- und Gedenkort Hotel Silber in Stuttgart, der Synagoge und Mikwe Bayreuth und dem Besucherempfang Neues Palais Sanssouci Potsdam, aus.
Fragestellungen der Bauphysik, insbesondere zu Raumakustik und Schallschutz, werden durch das Büro Müller-BBM Building Solutions mit besonderer Erfahrung im Bereich Kultur- und Veranstaltungsbau betreut.
Das Rennen um die Tragwerksplanung mit Fokus auf die Konstruktion der Schwedler-Kuppel und dem zentralen Oberlicht konnte das Büro SOCOTEC Ingenieure aus Darmstadt für sich entscheiden. Das Büro war bereits für einzelne Rekonstruktionen der neuen Altstadt im Dom-Römer-Areal sowie bei der Neugestaltung eines denkmalgeschützten Gebäudeensembles der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung in Frankfurt zuständig.
Für die komplexen Anforderungen an die Lüftungs- und Wärmetechnik, Elektrotechnik, Aufzugsplanung, Veranstaltungstechnik und Gebäudeautomation konnten ebenfalls Spezialisten gefunden werden: INSA4 Brandschutzingenieure aus Wuppertal, ibb Burrer & Deuring aus Ludwigsburg mit GIT Ingenieure aus Mainz sowie das Büro Elektroplanung Will aus Fulda. Auf Grundlage eines ganzheitlichen, schutzzielorientierten Brandschutzkonzepts gilt es, moderne Anlagentechnik in ein bestehendes Gebäude passgenau zu implementieren. Die besondere Herausforderung an die Planenden besteht darin, die komplexen Anforderungen an die Haus- und Veranstaltungstechnik denkmalverträglich in das Gebäude zu integrieren, sodass die klare und zurückgenommene Anmutung der Paulskirche gewahrt bleibt.
In der Paulskirche ist das Thema Licht von elementarer Bedeutung. Der Weg vom Dunkel ins Licht beschreibt den zentralen Entwurfsgedanken des den Wiederaufbau leitenden Architekten Rudolf Schwarz. Die Licht- und Beleuchtungsplanung übernimmt Studio DL aus Hannover, welches bereits die Illumination des Dom-Römer-Areals in Frankfurt entwickeln und umsetzen konnte.
Mit der Zusammenführung des Planungsteams, welches in den nächsten Monaten noch mit weiteren Sonderfachleuten und Gutachtern ergänzt werden wird, setzt der Magistrat den Auftrag der Stadtverordneten um. Dem Maßnahmenkatalog folgend besteht die Aufgabe darin, eine denkmalgerechte Gesamtsanierung der Natursteinfassade, des Kupferdachs mit dem Oberlicht sowie der Architekturoberflächen im Inneren in Abstimmung mit den Denkmalbehörden vorzubereiten. Darüber hinaus sind sämtliche haustechnische Anlagen einschließlich der Veranstaltungs-, der Licht- und Tontechnik sowie der Aufzug zu erneuern. Auch gilt es, die Bestuhlung den Veranstaltungen entsprechend anzupassen und Plätze für Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer zu integrieren. Dazu zählen auch Maßnahmen zur Verbesserung der Barrierefreiheit. Ziel der Sanierung ist das Erlebnis Paulskirche sowohl für Besucherinnen und Besucher des historischen Orts als auch für Veranstaltungsgäste zu stärken.
Wichtig für die Weiterentwicklung des Demokratieorts Paulskirche ist das Zusammenspiel mit dem ergänzenden Haus der Demokratie als Ort der Information und Partizipation. Die Neukonzeption einer verbindenden Ausstellung, die Öffnung für neue Veranstaltungsformate sowie die Entwicklung einer niederschwelligen Eingangssituation werden dazu beitragen, die architektonische Form der Paulskirche zu bewahren und ihre Geschichte in die Zukunft fortzuschreiben. Die konzeptionellen Grundlagen hierfür wurden durch die Expertenkommission Paulskirche erarbeitet. Vorschläge für das räumliche Zusammenspiel von Paulskirche und Haus der Demokratie wurden im Rahmen des Ideenwettbewerbs entwickelt und durch das anschließende Beteiligungsverfahren öffentlich diskutiert. Räumliche Leitplanken und die weiteren Schritte auf dem Weg zur Realisierung des Ensembles sind im Beschluss der Stadtverordneten festgehalten.
Hintergrund
Die Paulskirche war 1848/49 Tagungsort der ersten Nationalversammlung Gesamtdeutschlands. Erstmals wurde hier ein Grundrechtekatalog verabschiedet, der in das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland eingeflossen ist. Der ursprüngliche Bau der Paulskirche brannte in Folge der Bombardierungen im März 1944 vollständig aus. Unmittelbar nach Kriegsende wurde 1946 ein Wettbewerb für den Wiederaufbau durchgeführt, jedoch konnte keiner der Entwürfe überzeugen. Auf Initiative des damaligen Oberbürgermeister Walter Kolb wurde die Leitung des Wiederaufbaus dem Architekten Rudolf Schwarz aus Köln übertragen. Zum 100. Jahrestags der Nationalversammlung am 18. Mai 1948 wurde die Paulskirche als „Haus aller Deutschen“ in neuer Gestalt wiedereröffnet. Während äußerlich der klassizistische Baukörper erhalten blieb, wurde im Innern eine vollkommen neue Form gefunden: Torweg, Wandelhalle und Plenarsaal beschreiben mit architektonischen Mitteln den Weg aus dem Dunkel der nationalsozialistischen Terrorherrschaft in eine lichte, demokratisch verfasste Zukunft.
Die Paulskirche ist seitdem der bedeutendste Veranstaltungsraum der Stadt. Neben zahlreichen Gedenkveranstaltungen finden hier wichtige Ehrungen wie die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, des Goethe- und Ludwig-Börne-Preises der Stadt Frankfurt am Main oder zuletzt der Europäische Paulskirchenpreis für Demokratie statt.
(Text: PM Stadt Frankfurt)


