Zeitreise zwischen Zünften, Gauklern und Klostermauern in Seligenstadt

Traditionell wurde das Spektakel mit einem humorvollen Eröffnungsspiel der Honoratioren eröffnet.(Foto: ah)

Wenn sich die historischen Mauern der ehemaligen Benediktinerabtei mit dem Klang von Harfen, Hämmern auf Ambossen und dem Lachen von Gauklern füllen, dann ist es wieder Zeit für den Zunft- und Handwerkermarkt in Seligenstadt. Weit über die Grenzen der Einhardstadt hinaus bekannt, lockte die beliebte Veranstaltung am vergangenen Wochenende erneut zahlreiche Besucher aus der Region und darüber hinaus auf das weitläufige Klostergelände. Trotz anderslautender Wetterprognosen zeigte sich der Himmel den meisten Marktstunden wohlgesonnen. Lediglich am Sonntagvormittag spielte Petrus nicht mit, aber ab Mittag konnte man wieder ungestört die besonderen Atmosphäre genießen und in eine längst vergangene Epoche eintauchen.


Alle zwei Jahre verwandelt der Verein Klatschmohn Seligenstadt das historische Areal in eine lebendige Kulisse des 18. Jahrhunderts. Zwischen fahrenden Händlern, Handwerkern, Scholaren, Spielleuten und Gauklern erwacht die Zeit der Kaufmannszüge zum Leben. Jene Händlerverbände, die vom Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert mit ihren Pferdefuhrwerken aus allen Himmelsrichtungen zur Frankfurter Messe reisten, bilden den geschichtlichen Hintergrund des Marktes. Traditionell wurde das Spektakel mit einem humorvollen Eröffnungsspiel der Honoratioren eröffnet. Abt, Vauth und Bürgermeister, begleitet von adligen Gästen, nahmen dabei die Angebote des Marktes genau unter die Lupe. Ob beim Müller, beim Brauer oder bei den Fischhändlern – überall wurden die Waren kritisch, aber augenzwinkernd begutachtet und natürlich auch mal probiert.

Anschließend strömten die Besucher durch das bunte Marktgeschehen. Historisch gewandete Handwerker demonstrierten eindrucksvoll die Fertigkeiten ihrer Zünfte. Schieferherzen wurden gehämmert, am Amboss glühten die Eisen, Pflasterarbeiten und der Bau von Torbögen wurden erklärt, während in der Wagnerei aus Holz Schritt für Schritt Wagenräder entstanden. Auch wenn der Glasbläser in diesem Jahr fehlte, bereicherten erstmals ein Köhler und Zundermacher sowie ein Imker das vielfältige Angebot. Besonders filigrane Handwerkskünste waren im Regio-Museum zu erleben. Goldschmiede, Kupferstecher und Stickerinnen gewährten faszinierende Einblicke in Berufe, deren Wissen heute nur noch selten zu sehen ist.

Im Sommerrefektorium sorgten die fahrenden Scholaren für die passende musikalische Untermalung. Zwischen den alten Mauern erklangen Lieder vergangener Jahrhunderte, begleitet von keltischer Harfe und Gitarre. Für Kurzweil auf dem gesamten Gelände sorgten zahlreiche Künstler und Musikanten. Authentisch gewandete Spielleute wie die Gruppe „Ranunculus“ begleiteten die Besucher auf ihrer Zeitreise. Gaukler, Artisten und Zauberer begeisterten mit ihren Darbietungen, während sich das muskelgetriebene historische Karussell drehte und nicht nur Kinderaugen zum Leuchten brachte. Überhaupt kamen die jüngsten Gäste voll auf ihre Kosten. Historisches Kinderkarussell, Puppentheater und zahlreiche Mitmachaktionen im Mühlgarten machten Geschichte für sie auf spielerische Weise erlebbar. Für Kinder bis zwölf Jahre – oder, wie es auf dem Markt augenzwinkernd heißt, „bis zur Größe eines Backschiebers“ – war der Eintritt frei.

Wer vom vielen Schauen und Staunen hungrig wurde, musste ebenfalls nicht lange suchen. Die engagierten Klatschmohn-Damen verwöhnten ihre Gäste mit Erdbeeren, Handkäsbrot und vielen weiteren herzhaften wie süßen Spezialitäten aus „Omas Küche“. In der historischen Klosterküche brutzelten derweil die beliebten Karthäuser Klöße in einer großen Pfanne über offenem Feuer. Hunger musste auf dem Markt wahrlich niemand leiden.

Der Verein Klatschmohn Seligenstadt, der 2020 von der Stadt für besondere Heimatpflege ausgezeichnet wurde, verfolgt mit der Veranstaltung ein klares Ziel: altes Handwerkswissen zu bewahren und lebendig zu vermitteln. Dass dies gelingt, zeigte sich an den vielen interessierten Besuchern, die Handwerkern über die Schulter schauten und das Gespräch mit den Darstellern suchten. Den stimmungsvollen Höhepunkt bildete schließlich die große Abendshow auf den Klosterwiesen. Hunderte große und kleine Zuschauer verfolgten am Samstagabend die Auftritte von Spielleuten, Gauklern und Zauberern. Als die Dunkelheit über das Kloster hereinbrach, tauchten lodernde Flammen das Gelände in ein faszinierendes Licht. Die spektakuläre Feuershow setzte den glanzvollen Schlusspunkt unter ein Wochenende, das einmal mehr bewies, warum der Zunft- und Handwerkermarkt zu den beliebtesten historischen Veranstaltungen der Region zählt.

(Text: ah)