
Für reproduktive Selbstbestimmung und umfassende Versorgung
Am vergangenen Montag fand der internationale Safe Abortion Day statt. Dieser weltweite Aktionstag hebt die Relevanz eines sicheren und selbstbestimmten Schwangerschaftsabbruchs als integraler Bestandteil einer guten Gesundheitsversorgung und reproduktiven Selbstbestimmung hervor.
Denn weltweit sterben jährlich mehr als 20.000 Frauen und Mädchen an den Folgen unsachgemäßer Schwangerschaftsabbrüche, ebenso viele müssen wegen schwerer Komplikationen behandelt werden. Diese Zahlen sind das Ergebnis einer strengen Gesetzgebung zum Schutz des ungeborenen Lebens und von überholten Traditionen. Auch in Deutschland ist der Schwangerschaftsabbruch streng geregelt: Gemäß §218 StGB (Strafgesetzbuch) ist dieser grundsätzlich rechtswidrig, bleibt jedoch unter bestimmten Voraussetzungen straffrei: Wenn das Leben oder die Gesundheit der Schwangeren gefährdet ist, die Schwangerschaft Folge einer Vergewaltigung ist oder die Frau den Abbruch nach einer staatlich anerkannten Konfliktberatung innerhalb der ersten 12 Wochen vornimmt. Ein überparteilicher Gesetzesentwurf zur Abschaffung der Rechtswidrigkeit in den ersten 12 Wochen scheiterte im Frühjahr 2025 im Rechtsausschuss des Bundestages, weshalb die geltende Regelung bis auf Weiteres bestehen bleibt.
Lange Wege für die notwendige medizinische Versorgung
Erschwerend kommt hinzu, dass die Zahl der Praxen und Krankenhäuser in Deutschland, die Schwangerschaftsabbrüche vornehmen, kontinuierlich sinkt. Laut Statista und Daten des Statistischen Bundesamtes gab es im Jahr 2003 noch 2.030 solcher Einrichtungen; im vierten Quartal 2021 lag diese Zahl nur noch bei rund 1.100. Dies führt dazu, dass immer mehr Frauen lange Wege für die notwendige medizinische Versorgung in Kauf nehmen müssen.
„Es gibt sicher viele gute Gründe für ein Kind, aber mindestens auch ebenso viele, sich gegen eine Schwangerschaft zu entscheiden“, erklärt Dr. Inga Halwachs. „Trotz Pille und Verhütungsmaßnahmen werden Frauen und Mädchen ungewollt schwanger. Eine befruchtete Eizelle fragt nicht, ob die Partnerschaft stimmt, die Ausbildung beendet ist, ob man schlicht bereit für ein Kind ist. Argumente, die oft nicht zählen. Die Frauen und Mädchen erleben gesellschaftlichen Druck und Stigmatisierung ausgerechnet da, wo es um ihren Körper und ihre Entscheidung geht“, sagt Dr. Inga Halwachs, Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Offenbach und unterstreicht die Bedeutung des Tages: „Es braucht aufmerksamkeitsstrake Momente wie den Internationale Safe Abortion Day, um auf das Dilemma, in dem Frauen und Mädchen seit Jahren feststecken, hinzuweisen.“
Reproduktive Selbstbestimmung sei ein Recht, kein Privileg, so Halwachs weiter. Sie forderte anlässlich des Aktionstages, dass der Zugang zu sicheren Schwangerschaftsabbrüchen selbstverständlich sein muss. Dem stimmte auch Katharina Luley aus der pro familia Beratungsstelle zu: „Dafür braucht es eine flächendeckende medizinische Versorgung und niedrigschwelligen Zugang zu Informationen.“
Auf die besondere Verantwortung der Stadt in diesem Fall wies Stadträtin Helena Wolf hin, sie sagte: „Wir müssen dafür Sorge tragen, dass alle Bürgerinnen und Bürger Zugang zu essentieller Gesundheitsversorgung haben. Dazu gehört zweifellos auch die Möglichkeit eines sicheren Schwangerschaftsabbruchs. Es ist völlig inakzeptabel, dass Frauen aufgrund mangelnder regionaler Angebote weite Wege zurücklegen müssen oder sich stigmatisiert fühlen. Das Thema gehört weiterhin auf die politische Agenda und darf auch nicht länger tabuisiert werden. Jede Frau soll die Unterstützung und die medizinische Hilfe erhalten, die sie benötigt, um selbstbestimmte Entscheidungen über ihren Körper und ihr Leben treffen zu können.“
Infostand und Gespräche
Mit einem Mini-Erfahrungs-Parcour, Glücksrad und Infostand war pro familia Offenbach auf dem Aliceplatz vertreten, lud zum Austausch und verteilte das Team Infomaterial. Um 17.30 Uhr ging der Aktionstag im SCAPE° in der Frankfurter Straße 39 weiter. Dort wurde der Film „Call Jane“ gezeigt. Der Film aus dem Jahr 2022 spielt im Chicago der 1970er Jahre: Die Hausfrau Joy führt mit ihrem Ehemann und ihrer Teenager-Tochter ein ruhiges Leben in der Vorstadt. Eine ungeplante Schwangerschaft bringt sie jedoch in Lebensgefahr. Ihre Hoffnungen auf eine therapeutische Abtreibung werden abgelehnt. Ihre Suche nach einer Lösung führt sie zu den “Janes”, einer geheimen Frauenorganisation, die sichere Schwangerschaftsabbrüche anbietet.
Wettlauf gegen die Zeit
Schwangerschaftsabbrüche finden hierzulande nicht mehr verboten in Hinterzimmern statt, sondern bleiben zumindest bis zur 12. Woche unter bestimmten Bedingungen straffrei. „Die Regelung im Strafgesetzbuch führt dazu, dass viele Frauen sich einerseits in ihrer Entscheidungsfindung bevormundet fühlen und andererseits nur wenige Einrichtungen Schwangerschaftsabbrüche vornehmen. Auch Beratungsangebote gibt es nicht zuhauf: Obwohl wir versuchen, schwangeren Personen immer sehr zeitnah einen Termin für das verpflichtende Beratungsgespräch zu geben, haben auch wir begrenzte Kapazitäten. In Offenbach gibt es neben pro familia nur eine weitere Beratungsstelle, die den notwendigen Beratungsschein ausstellt“, erklärte Katharina Luley, Mitarbeiterin von pro familia Offenbach im anschließenden Filmgespräch mit der Offenbacher Gynäkologin Dr. Julia Kowalzig.
„Das stimmt“, pflichtete diese bei, „insbesondere hier im Ballungsraum RheinMain ist die Situation einigermaßen komfortabel“: Betroffene erhielten schnell den erforderlichen Beratungstermin und könnten die gesetzliche Frist bequem einhalten. Allerdings, so die Ärztin, fehle oftmals das Wissen über die Abläufe. So sei eine gynäkologische Untersuchung im Vorfeld ratsam, aber nicht nötig, wichtiger sei der verpflichtende Beratungstermin und die anschließende dreitägige Bedenkzeit. Durch die vielen Hürden und fehlenden Informationen gehe viel Zeit ins Land, ergänzt Luley: „Termin in der eigenen gynäkologischen Praxis, Beratungsgespräch, Antrag auf Kostenübernahme und schließlich der Schwangerschaftsabbruch. Das ist für viele Menschen ein hoher Organisationsaufwand, wenn man bedenkt, dass viele Frauen bereits Kinder haben und/oder berufstätig sind oder auf eine Begleitperson angewiesen sind.“
Hinzu komme die Angst vor Stigmatisierung oder Verurteilung durch andere, was manchmal dazu führe, dass sie sich niemandem anvertrauen. Da gebe es individuelle Sichtweisen und Glaubenssätze, so Luley weiter. „In der Beratung geht es darum, unsere Klientinnen dabei unterstützen und herausfinden, was sie selbst wirklich wollen. Die Entscheidung für oder gegen Kinder ist ein Menschenrecht und Menschenrechte sind universell.“
„An dieser Stelle muss unsere Gesellschaft liberaler werden und lohnt sich der Blick über den Tellerrand“, stimmte die Leiterin des Frauenbüros, Dr. Inga Halwachs, zu. „Frankreich und Luxemburg wurde Frauen das Recht auf Abtreibung in die Verfassung geschrieben, dafür kämpfen wir!“
(Text: PM Stadt Offenbach)

