Die Deutsche Bahn und das Bundesministerium für Verkehr (BMV) haben am vergangenen Freitag ein überarbeitetes Konzept ihrer Korridorsanierungen vorgelegt. Statt der bislang vorgesehenen 21 Korridorsanierungen sollen zwischen 2027 und 2031 nur noch 13 umgesetzt werden. Gestrichen werde nichts, so die Verantwortlichen in Berlin – nur verschoben. Für Darmstadt ist damit eine zentrale Frage offen: Die für 2030 vorgesehene Sanierung der Main-Neckar-Bahn zwischen Frankfurt und Heidelberg wird auf einen bislang nicht definierten Zeitpunkt nach 2031 verschoben. Genau in dieses Zeitfenster waren die Sperrpausen eingebettet, die der Ersatzneubau der Rheinstraßenbrücke benötigt.
„Mit dieser Verschiebung fehlt unserem Projekt die tragende Grundlage“, sagt Darmstadts Mobilitätsdezernent Paul Georg Wandrey. „Die Sperrpausen für den Ersatzneubau waren fest in die Korridorsanierung der Main-Neckar-Bahn eingebunden. Diese Klammer ist jetzt gelöst. Damit fehlt uns die notwendige Planungssicherheit, um den abgestimmten Zeitplan verlässlich umzusetzen.“
Was das für die Rheinstraßenbrücke bedeutet
Die städtische Planung für den Ersatzneubau der stark frequentierten, seit 2023 für den Autoverkehr gesperrten Brücke, war über Jahre konsequent auf die Korridorsanierung ausgerichtet. Die Verhandlungen über die erforderlichen Sperrpausen liefen eingebettet in dieses Zeitfenster. Diese Grundlage ist mit der Entscheidung aus Berlin entfallen. Hinzu kommt: Die Deutsche Bahn hat eingeräumt, dass die notwendigen Oberleitungsarbeiten der DB InfraGO nicht wie zugesagt Ende 2027 ausgeführt werden können – mit der Begründung, dass die entsprechenden Firmen der DB InfraGO für diese Leistungen keine Kapazitäten anbieten. In der aktuellen Mitteilung von BMV und DB InfraGO tauchen diese für den Abbruch der Brücke erforderlichen Arbeiten für 2027 nicht mehr auf. Bei den Maßnahmen für 2030 wird die Rheinstraßenbrücke nicht benannt; die Rede ist lediglich unspezifisch von „Oberleitungsmaßnahmen“, ohne dass der Ort benannt wird.
„Wer heute eine Brücke abreißen will, muss wissen, wann die Gleise darunter stillstehen“, so Wandrey. „Diese Antwort fehlt uns – und sie fehlt nicht zum ersten Mal. Ich sage es aber genauso deutlich: Bahn und Bund wissen, worum es hier geht, und ich setze darauf, dass wir zu einer tragfähigen Verabredung kommen.“
Konkret heißt das für Darmstadt
Der geplante Abbruch der Bestandsbrücke zum Jahreswechsel 2027/2028 ist gefährdet. Für den Neubau gibt es nach der Verschiebung der Korridorsanierung aktuell keine gesicherten Sperrpausen. Ob die marode Brücke über den bislang vorgesehenen Abbruchzeitraum Ende 2027 hinaus theoretisch weiter genutzt werden könnte, lässt sich derzeit kaum belastbar abschätzen.
Stadt sucht das Gespräch – und wirbt um Verbindlichkeit
Die Wissenschaftsstadt Darmstadt hat auf die jüngsten Mitteilungen aus Berlin unmittelbar reagiert. Der Kontakt zum Bundesverkehrsministerium und zur DB InfraGO wurde bereits gesucht, um von der Korridorsanierung unabhängige Sperrpausen zu erhalten. Verbindliche Zusagen liegen zum jetzigen Zeitpunkt nicht vor. Es gibt Aussagen zu möglichen Alternativen, die jedoch erst noch genauer geprüft und abgestimmt werden müssen.
„Verlässliche Aussagen zu Sperrpausen von Seiten der DB InfraGO und des Bundesverkehrsministeriums, die belastbar in das Projekt Rheinstraßenbrücke eingebunden werden können, müssen jetzt dringend erfolgen“, betont Wandrey. „Andernfalls entsteht der Stadt Darmstadt ein wirtschaftlicher Schaden, den niemand verantworten kann. Bislang bewegt sich das Projekt weiterhin innerhalb des beschlossenen Kostenrahmens. Eine weitere Verschiebung der Sperrpausen birgt jedoch erhebliche finanzielle Risiken. Neben steigenden Baupreisen könnten insbesondere die längere Aufrechterhaltung der bestehenden Verkehrsführung und ein verlängerter Schienenersatzverkehr zusätzliche Kosten verursachen.“
Die Planungen für den Ersatzneubau laufen weiter. Eine Ausschreibung und Vergabe von Abbruch- oder Neubauleistungen ist derzeit jedoch nicht möglich: Den möglichen Bietern kann kein Ausführungstermin genannt werden.
„Wir planen weiter, aber wir können nicht bauen, wenn niemand weiß, wann. Das ist kein Planungsproblem der Stadt – das ist eine Frage der Zusagen von Bund und Bahn“, wiederholt Wandrey. Die Stadt sei bereit, die Abstimmung auf jeder Ebene fortzusetzen, und werbe dafür, die Rheinstraßenbrücke in der Priorisierung ab 2032 mitzudenken.
Hintergrund
Die Rheinstraßenbrücke ist mehr als 110 Jahre alt und in einem maroden Zustand. Vor Beginn der Bauarbeiten passierten rund 50.000 Fahrzeuge täglich das Bauwerk; seit 2023 ist es für den Autoverkehr gesperrt. Nach dem gültigen Zeitplan war der Abriss der Bestandsbrücke für den Jahreswechsel 2027/2028 im Rahmen einer dreiwöchigen Sperrpause im Dezember 2027 vorgesehen, die das Bundesverkehrsministerium zugesagt hatte. Der Straßenbahnverkehr wird während der Bauphase für etwa drei Jahre unterbrochen und durch Busse ersetzt. Die unter Denkmalschutz stehenden Brückenköpfe bleiben erhalten und werden in das neue Bauwerk integriert. Als weitere Sperrpause für den Neubau hatte die Bahn zuletzt das Jahr 2029 in Aussicht gestellt – auch diese Sperrpause hat die Deutsche Bahn dem Mobilitätsdezernenten inzwischen abgesagt.
Grundlagen und laufende Beteiligung
Grundlage der Planung ist die Machbarkeitsstudie der Darmstädter Stadtentwicklungsgesellschaft (DSE). Mit der Neuplanung ohne Brückenpfeiler im Gleisbereich ließ sich die erforderliche Sperrzeit nach Angaben der Stadt von ursprünglich 245 auf 56 Tage verringern – ein Schritt, mit dem die Stadt die Abhängigkeit von der Bahn bewusst verkleinert hat. Das Hessische Ministerium für Wirtschaft, Energie, Verkehr, Wohnen und ländlichen Raum hat dem dritten Planänderungsantrag auf Basis dieser Studie zum 30. Juni 2026 zugestimmt; die Planung steht damit auch rechtlich auf einem sicheren Fundament. Die Zustimmungen von Regierungspräsidium, HEAG mobilo, Feuerwehr, Denkmalschutzbehörde und Anrainern liegen vor, die Planungsgrenzen werden eingehalten. Die planungsrechtlichen Voraussetzungen für den Ersatzneubau sind damit geschaffen. Über den Stand des Vorhabens informiert Mobilitätsdezernent Wandrey turnusmäßig in den Quartalsberichten; die DSE erarbeitet ergänzend eine umfangreiche Kenntnisnahme-Magistratsvorlage für die Stadtverordnetenversammlung. Für den Bus- und Straßenbahnverkehr stellt HEAG mobilo die aktuellen Umleitungen bereit.
(Text: PM Wissenschaftsstadt Darmstadt)

