Wann spricht man von Adipositas?

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(Foto/Text: lpr)

LANGEN (PM) – Interview mit Chefarzt Prof. Dr. Martin Hoffmann vom Adipositaszentrum an der Asklepios Paulinen Klinik

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 Wann spricht man von Adipositas?

Adipositas wird meistens über den so genannten Body-Mass Index (BMI) definiert. Hierbei werden Körpergröße und Körpergewicht zueinander ins Verhältnis gesetzt. Ab einem BMI von 30 kg/m2 besteht ein Adipositas Grad I, ab 35 kg/m2 Grad II und ab einem BMI von 40 kg/m2 liegt eine schwere Adipositas Grad III vor.

Übergewicht wird häufig als nicht schädlich angesehen, welche Folgen hat eine schwere Adipositas?

Leichtes Übergewicht mit einem BMI bis 30 kg/m2 ist häufig nicht mit schweren Begleiterkrankungen verbunden. Mit zunehmendem BMI steigt dann das Risiko für verschiedene Erkrankungen. Als wichtigste sind hier Bluthochdruck, Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) und Gelenkverschleiß zu nennen. Allerdings kommt es zu einer Vielzahl weiterer Erkrankungen wie Unfruchtbarkeit und chronische Kopfschmerzen. Bei fast allen Begleiterkrankungen der Adipositas kommt es zu einer deutlichen Besserung der Symptome durch eine erfolgreiche Therapie.

Nochmal nachgefragt, was bedeuten die Begleiterkrankungen konkret für die Patientin, den Patienten?

Leider haben die Begleiterkrankungen und hier insbesondere der Bluthochdruck und die Zuckerkrankheit negative Folgen für die Lebenserwartung der Menschen. Ein Patient mit einer unbehandelten Adipositas Grad III hat statistisch gesehen eine um 10 Jahre kürzere Lebenserwartung als Patienten ohne diesen Risikofaktor. Interessanterweise steigt bei Adipositaspatienten auch das Risiko für eine Krebserkrankung mit zunehmendem BMI an, auch dies ein Grund für eine reduzierte Lebenserwartung. Hinzu kommt die Lebensqualität, durch die Adipositas und die Begleiterkrankungen ist diese häufig deutlich reduziert.

Welche Therapieoptionen gibt es für die Behandlung der Adipositas?

Es werden konservative und operative Therapieoptionen unterschieden. Grundsätzlich sollten alle Patienten mit einem BMI unter 50 kg/m2 an einem konservativen so genannten multimodalen Programm teilnehmen. Eine weitere Ausnahme sind Patienten mit einer Zuckerkrankheit und BMI über 40 kg/m2. Ein multimodales Programm besteht aus professionell begleiteter Ernährungsberatung, körperlicher Aktivität mit Anleitung und verhaltenstherapeutischen Elementen. Ein solches Programm hat eine Dauer von mindestens 6 Monaten.

Welche Möglichkeiten gibt es, wenn trotz multimodalem Programm das Gewicht sich nicht ausreichend reduziert?

Für Patienten mit BMI über 50 kg/m2, BMI über 40 kg/m2 und begleitender Zuckerkrankheit sowie Patienten mit gescheiterter konservativer Therapie besteht die Indikation zur Durchführung eines adipositaschirurgischen Eingriffes. Hier werden verschiedene Operationsformen unterschieden. Am häufigsten werden minimalinvasive Schlauchmagenoperationen (Sleeve-Gastrektomie) und minimalinvasive Bypassoperationen durchgeführt. Der Schlauchmagen wirkt durch eine Begrenzung der Nahrungsaufnahmemenge. Bei den Bypassoperationen resultiert die Gewichtsabnahme dadurch, dass ein Teil des Dünndarms umgangen („gebypassed“) wird.

Warum sollte man einen solchen Eingriff in Deutschland an einem Zentrum durchführen lassen?

Der Eingriff ist der kleinste Teil der Operation, der allerdings von einer Klinik mit Erfahrung auf diesem Gebiet durchgeführt werden sollte. Viel wichtiger ist jedoch die Betreuung vor und nach der Operation und hier insbesondere die regelmäßige Nachsorge. Bei fehlender Nachsorge kann es zu Problemen durch Mangelerscheinungen kommen. Dies ist ein großes Problem bei im Ausland durchgeführten Eingriffen, da hier häufig die Nachsorge in Deutschland fehlt.

Ist die Therapie bei allen Patienten immer gleich?

Natürlich unterscheidet sich die Therapie für jeden Patienten. Es gibt keine Standardtherapie, jeder Mensch hat andere Risikofaktoren und sollte eine individuelle Therapie erhalten. Beim ersten Gespräch im Adipositaszentrum Wiesbaden geht es daher darum, sich ein genaues Bild von den Patienten zu machen und erste Empfehlungen zu geben. Die meisten Patienten werden mit konservativer Therapie ohne Operation behandelt.