Modellkommune! Ganz Hessen schaut jetzt nach Dieburg

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Weil Dieburg nun eine von hessenweit drei „Corona-Modellkommunen“ ist, könnte unter Vorlage eines Negativtests der Einkauf in aktuell auf Abholservice beschränkten Geschäften wie den Schuhläden in der Zuckerstraße wieder möglich sein. Das Foto stammt aus der Corona-Zeit, allerdings aus einer Phase, in der in der Fußgängerzone noch keine Maskenpflicht galt. (Fotos: jedö)

Das Mittelzentrum ist eine von drei Städten, in der Getesteten bis zum 1. Mai mehr Freiheiten winken / „Chance“ und „Herausforderung“ zugleich / Starttermin noch offen / 1 500 „Tagestickets“ / Gastronomie nur draußen

Dieburg (jedö) Ganz Hessen wird in den kommenden Wochen auf drei Städte schauen: Baunatal, Alsfeld – und Dieburg. Dieses Trio haben Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) und Gesundheitsminister Kai Klose (Grüne) am Dienstag als „Corona-Modellkommunen“ benannt. In Dieburg winken Menschen mit aktuellem (negativen) Corona-Test bis zum 1. Mai damit mehr Freiheiten. Zugleich liefert das Mittelzentrum in diesem Zeitraum wichtige Erkenntnisse, inwiefern sich danach weitere Kommunen – sogar in einer Phase steigender Inzidenzen – mehr gesellschaftliches Leben erlauben können, ohne dabei zum Infektionstreiber zu werden.

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Zunächst einmal: Für Landrat Klaus Peter Schellhaas (SPD), der am Mittwoch voriger Woche den Antrag beim Land Hessen eingereicht hatte, ist die in Wiesbaden erfolgte Auswahl ein (Teil)Erfolg. Schellhaas, der in Dieburg wohnt, hatte sich zunächst dafür eingesetzt, dass der ganze Landkreis Darmstadt-Dieburg Modellregion wird. Die Basis für derlei Projekte hatten Bund und Länder zwei Tage zuvor bei ihrer umstrittenen „Nachtschicht“ geschaffen.

Schon am Wochenende kristallisierte sich aber heraus, dass das Land den Feldversuch vorsichtshalber nur in wenigen (und kleineren) Kommunen durchführen und auf ganze Kreise oder Großstädte verzichten würde. Fast 100 Städte, Kreise und Regionen hatten sich hessenweit beworben. Der LADADI blieb mit der Stadt Dieburg im Rennen – und gewann es im Schlussspurt: Noch am Montag roch es für den Raum Südhessen danach, dass die Wahl auf eine Kommune aus einem Nachbarkreis fallen würde. Neben der Erfüllung objektiver Kriterien hatte es nach Informationen unserer Zeitung wesentlichen Einfluss, dass sich der in Groß-Zimmern lebende Generalsekretär der Hessen-CDU, Manfred Pentz, bis zum Schluss vehement für Dieburg stark machte. Landtags-Abgeordneter Pentz, dessen Wahlkreis 52 aus den östlichen Kommunen des Landkreises Darmstadt-Dieburg besteht, drückt sein Engagement so aus: „Ich habe für Dieburg gekämpft wie ein Löwe, weil ich glaube, dass Dieburg der ideale Standort für so ein Projekt ist.“

Ohne die Erfüllung nüchterner Kriterien wäre die Wahl dennoch kaum auf die Gersprenzstadt gefallen. Während es sich bei Baunatal um eine Kleinstadt in direkter Nachbarschaft einer Großstadt (Kassel) handelt und bei Alsfeld um eine ländlich gelegene Kommune mit großem Einzugsgebiet, ist Dieburg so etwas wie ein „Mittelding“: trotz der Nähe zu Darmstadt weder unmittelbarer Ballungsraum noch weitab vom Schuss im Ländlichen gelegen. Bouffier sprach über Dieburg als „ehemaliger Kreisstadt, die auch eine gewisse Funktion für den östlichen Landkreis Darmstadt-Dieburg und den Odenwald hat“. Eine Rolle bei der Auswahl spielte auch, dass die Inzidenz der Modellkommune unter 200 liegt (in Dieburg betrug sie am Dienstag 121, deutlich mehr als in Baunatal und Alsfeld), eine entsprechende Testinfrastruktur vorhanden ist oder kurzfristig geschaffen werden kann und die Krankenhäuser der Region nicht überlastet sind. Wird eins dieser Kriterien in den nächsten Wochen nicht mehr erfüllt, wird der Versuch abgebrochen

Nun wird es spannend, wie Dieburg seine Rolle als Modellkommune konkret mit Leben füllt. Das Land hat hierbei ausdrücklich große Beinfreiheit zugesichert. Landrat Schellhaas nannte die Aufgabe auch wegen der ungewissen Sogwirkung der Öffnungen auf Gäste der Nachbarkommunen eine „Herausforderung“ und sicherte der Stadt Unterstützung bei der Umsetzung zu. Wie die genau aussehen wird, dazu steckte am Mittwoch der Dieburger Magistrat in einer Sondersitzung die Köpfe zusammen.

Bürgermeister Frank Haus konnte auch danach noch keinen konkreten Starttermin nennen, „wir werden aber sicher nicht direkt nach Ostern beginnen können, es läuft auf Mitte April hinaus“. Noch gebe es „viel Abstimmungsbedarf mit Gesundheitsamt, Polizei und Landkreis“. Das Gesundheitsamt soll das Projekt kontrollieren und begleiten, wird bei der späteren Analyse der Erfahrungen die zentrale Rolle einnehmen.

Beginnen will Dieburg laut Haus in der vermutlich dreiwöchigen Modellphase zuerst mit der Öffnung des Handels und der Außengastronomie. Im Inneren der Restaurants und Cafés darf auch in der Modellphase nicht bewirtet werden. Eventuell darf in einem weiteren Schritt auch die Kultur etwas wagen. Es sollen außerdem zusätzliche Testzentren errichtet werden (siehe Infokasten). Die Zahl der „Tagestickets“, die auch Auswärtige erhalten können, soll auf täglich 1 500 limitiert werden.

Mit Blick darauf, dass Dieburg im April sicher viele Medien und auswärtige Gäste anlocken und zugleich zur Erkenntnis beitragen wird, was mit Corona über das Bisherige gefahrlos machbar ist, stellt der Bürgermeister fest: „Das ist für uns auf jeden Fall eine Chance!“ jd

Testzentren am Landratsamt, im Schlossgarten und im I-Nord?

Neben kleineren Teststellen – etwa beim Hausarzt – steht in Dieburg bislang vor allem das Corona-Testzentrum des Deutschen Roten Kreuzes im DRK-Heim auf dem Frongrund zur Verfügung. Nun, da Dieburg Corona-Modellkommune ist und es in Kürze voraussichtlich deutlich mehr Anreize zum temporären „Freitesten“ geben wird (gleichwohl Maskenpflicht und andere Schutzmaßnahmen auch für Personen mit aktuellem Negativtest gültig bleiben sollen), muss die Testinfrastruktur wohl erweitert werden.

Der Landkreis hat diesbezüglich vorgesorgt und kürzlich 500 000 Schnelltests bestellt, wenngleich nicht allein für Dieburg. Sollte ein solcher Test positiv ausfallen, erhält der Getestete natürlich kein „Tagesticket“ für zusätzliche Dieburger Freuden oder Notwendigkeiten und der Abstrich wird zur weiteren (PCR-Test-)Analyse ins Labor gebracht. Wahrscheinlich müssen Stadt und Kreis für die Modellkommunen-Phase aber ein weiteres Testzentrum aufbauen.

Der Gewerbeverein Dieburg hat wegen der Erwartung, dass sich besonders viele Menschen testen lassen werden, um die Geschäfte und die Gastronomie in der Innenstadt zu besuchen, bereits den Wunsch eines Testzentrum auf dem Marktplatz geäußert. Bürgermeister Frank Haus berichtet vom Ansinnen von Stadt und Kreis, den Marktplatz lieber den Gastronomen zu überlassen. Stattdessen sind neue Testzentren am Landratsamt (Parkplatz) im Schlossgarten und im Industriegebiet-Nord im Gespräch. Über Ostern soll diesbezüglich Klarheit geschaffen werden.

Ebenfalls wichtig für das Verständnis: Dinge, die aktuell ohne Test erlaubt sind (Einkauf in bestimmten Geschäften, Arztbesuche etc.), können auch in der Modellkommunen-Phase ohne Test erledigt werden. Die Schnelltests sollen vor allem weitergehende, aktuell verbotene Aktivitäten absichern und ermöglichen.