Das Gesundheitsamt als Zünglein an der Waage

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Die Hoffnung auf ein bisschen mehr Leben rund um den Dieburger Fastnachtsbrunnen (links im Bild die Zuckerstraße) hat sich erstmal zerschlagen: Weil das Gesundheitsamt Darmstadt nicht schnell genug die Kontakte der Infizierten verfolgt, ist das Vorhaben mit der „Corona-Modellkommune“ auf einen ungewissen Starttermin aufgeschoben. Viel Zeit bleibt nicht: Die Projektphase soll laut Land Hessen schon am 1. Mai enden. (Foto: jedö)

Corona-Modellkommune Dieburg: Starttermin und Durchführung fraglich / Zwei weitere Testzentren kommen auf jeden Fall

(jedö) Die Hoffnung auf einen raschen Start und ganz generell die Umsetzung der „Corona-Modellkommune Dieburg“ hat einen Dämpfer erhalten: Das Gesundheitsamt des Landkreises Darmstadt-Dieburg und der Stadt Darmstadt ist derzeit nicht in der Lage, bei neuen Covid-19-Infektionen zügig genug die Kontakte der Betroffenen nachzuverfolgen. Bis sich das ändert, liegt das Vorhaben auf Eis. Während in der mittelhessischen Modellkommune Alsfeld bereits am Donnerstag und im nordhessischen Baunatal am Montag der bisher geschlossene Teil des Handels die Türen für Kunden mit aktuellem Negativtest öffnete, bleibt der Auftakt in Dieburg ungewiss.

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In der Gersprenzstadt sollen Menschen, die einen negativ ausgefallenen Corona-Schnelltest nachweisen, am Tag des Tests neben dem Einkauf in aktuell geschlossenen Geschäften (Modeläden, Kaufhaus Enders u. a.; derzeit nur Liefer- und Abholservice gestattet) auch die Außengastronomie besuchen dürfen. Die Vorsitzende des Dieburger Gewerbevereins, Evelin Allmann, geht gerade bei den Händlern von einem großen Interesse am lokalen Feldversuch aus (siehe Infokasten). Doch ob aus dem überhaupt etwas wird, steht in den Sternen.

Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) hatte bei der Bekanntgabe der drei hessischen Modellkommunen Baunatal, Alsfeld und Dieburg kurz vor Ostern drei wesentliche Kriterien für die dort zusätzlichen und per Test abgesicherten Öffnungen genannt: eine Inzidenz in Kreis und Stadt von unter 200, eine ausreichende Testinfrastruktur und nicht überlastete Krankenhäuser in der Region. All das ist im Landkreis Darmstadt-Dieburg und in Dieburg derzeit erfüllt. In Kürze öffnen zwei zusätzliche, von einem privaten Dienstleister betriebene Testzentren – das eine auf dem Parkplatz am Landratsamt (nahe dem Marktplatz), das andere auf dem Festplatz im Schlossgarten. „Diese beiden Testzentren kommen auf jeden Fall“, betont Landrat Klaus Peter Schellhaas (SPD). Soll heißen: Sie öffnen auch, wenn Dieburg als Corona-Modellkommune gar nicht in Gang kommen sollte. Flöten gehen würde in diesem Fall aber der erhoffte Erkenntnisgewinn. Schließlich soll das Projekt unter fachlicher Begleitung des Gesundheitsamts schlauer machen, was man sich an Freiheiten auch mit einer überwiegend ungeimpften Bevölkerung erlauben kann.

Das Zünglein an der Waage, um die Modellkommune loslaufen zu lassen, spielt nun eben jenes Gesundheitsamt. Laut Schellhaas braucht es derzeit „drei bis fünf Tage“ für die Nachverfolgung der Kontakte eines Corona-Infizierten. Nach dem Geschmack des Landes Hessen, das die Modellkommunen ausgewählt und ihnen den Rahmen gesetzt hat, ist das zu langsam. „Die Anforderung des Landes an die Modellkommunen ist, dass die Kontaktnachverfolgung schneller geht“, weiß auch Schellhaas. Erst wenn dem Gesundheitsamt Darmstadt das gelinge, könne Dieburg starten. Ob der Landesvorgabe, dass das Projekt am 1. Mai schon wieder enden soll und eine rasche, signifikante Entlastung des Amts durch stark sinkende Infektionszahlen (trotz der hessischen Osterferien) kaum zu erwarten ist, scheint das unrealistisch. Schellhaas hat noch einen Rest an Optimismus: „Die Modellkommune Dieburg ist noch nicht beerdigt. Wir beobachten und bewerten die Lage täglich sehr genau.“

Immerhin: Alle anderen Voraussetzungen sind mittlerweile geschaffen. Vorigen Donnerstag beschloss der Dieburger Magistrat das Konzept zur lokalen Umsetzung. „Ich bin froh, dass wir ein gutes Konzept haben, auf das der Magistrat vertraut“, sagt Bürgermeister Frank Haus (parteilos). Das Konzept hatten Stadt, Kreis und Gesundheitsamt gemeinsam erstellt. Es sieht eine Begrenzung von 1 500 „Tagestickets“ vor. Davon darf von Montag bis Freitag die Hälfte an auswärtige Besucher vergeben werden, während samstags und sonntags im Anschluss an einen Schnelltest (aktuell möglich im Rotkreuz-Heim auf dem Frongrund) nur Dieburger ein solches Ticket erhalten können. Räumlich beschränkt ist das „auswärtig“ auf Bewohner des LADADI und der kreisfreien Stadt Darmstadt.

Münsterer und Eppertshäuser wären also nur am Wochenende außen vor. Dabei immer wichtig zum Verständnis: All das, was derzeit ohne Test möglich ist (Friseur- oder Büchereibesuch, Einkauf im Lebensmittel-Handel, in Buch- und Blumenläden usw.), bliebe auch in der Modellkommunen-Phase ohne Test möglich. Ebenso wären in der Projektphase auswärtige Besucher auch am Wochenende nicht generell aus Dieburg „ausgeschlossen“: Sie dürften dann weiter zumindest all das tun, was sie auch derzeit tun dürfen – zum Beispiel am Samstag den Dieburger Wochenmarkt besuchen, im Baumarkt einkaufen oder sich ein Eis zum Mitnehmen holen. Der Eisbecher am Sitzplatz an der frischen Luft bliebe Auswärtigen am Wochenende hingegen verwehrt.

Das sagt der Gewerbeverein

Evelin Allmann, Vorsitzende des mehr als 200 Mitgliedsunternehmen zählenden Dieburger Gewerbevereins, nahm zum aufgeschobenen Modellkommunen-Start am Donnerstag wie folgt Stellung: „Wir stehen in den Startlöchern. Ich kann nicht für alle Dieburger Geschäfte sprechen, würde aber sagen, dass 80 Prozent mitmachen würden. Bei den Gastronomen wäre es schwieriger – die können ja nicht einkaufen und dann drei Tage später schon wieder zumachen. Auch die Frage nach dem Personal stellt sich. Einige dürften es sich zunächst mal angucken, wie viele Leute sich denn tatsächlich mit einem Schnelltest in die Außengastronomie setzen. Ein bisschen weh tut mir, dass es samstags keine Tagestickets für Auswärtige geben soll. Wir leben ganz klar auch von ihnen und nicht nur von den Dieburger Kunden. Generell ist mir bei alldem immer wichtig zu betonen: Hier würde kein Geschäftsinhaber und kein Gastronom kopflos sagen: Hauptsache, mein Laden ist auf! Wir haben bewiesen, dass uns der Infektionsschutz sehr wichtig ist und auch für uns die Gesundheit an erster Stelle steht.“