Über verschobene Untersuchungen und Therapien in Corona-Zeiten

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Chefarzt Dr. Ralf Thiel, Foto: Asklepios

Das Jahr 2020 hat nicht stattgefunden

WIESBADEN (PM/LPR) – Vieles wurde im vergangenen Jahr aus Pandemiegründen verschoben. Neben Reisen, Restaurant-, Konzert-, oder Museumsbesuchen wurden leider auch viele Vorsorgeuntersuchungen sowie notwendige Therapien nicht vorgenommen.

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Immer wieder hören Mediziner jetzt in Gesprächen mit Patienten, dass Arztbesuche aus Sorge vor einer Corona-Infektion einfach ausgeblendet wurden – mit zum Teil gravierenden Folgen. „Erst kürzlich saß ein 63-jähriger Patient in meiner Urologie-Sprechstunde. Auf meine Frage, wann die letzte Vorsorgeuntersuchung stattgefunden habe, sagte er ‚Das müsste vor einem Jahr gewesen sein, nein, das war Anfang 2019‘. Das erlebe ich zurzeit ständig“, sagt Dr. Ralf Thiel, Chefarzt der Urologie an der Asklepios Paulinen Klinik. Das „Corona-Jahr“ 2020 ist im Gedächtnis vieler Patienten nicht vorhanden, denn routinemäßige Vorsorgeuntersuchungen oder Nachsorgetermine wurden einfach gecancelt und dann vergessen.

„Oft haben sich Patienten gesagt, das mache ich nach Corona und gingen davon aus, es handele sich ähnlich wie bei der jährlichen Grippe um eine wenige Monate anhaltende Krankheitswelle. Erst seit dem verstärkten Beginn der Impfkampagne tauchen die Patienten wieder peu à peu in meiner Praxis auf. Nicht selten war der Zeitraum für bestimmte Untersuchungen aber zu lang und Erkrankungen wurden verschleppt oder zu spät erkannt. So sind bei der Vor- und Nachsorge des Prostatakrebses zwei Jahre Abstand zu viel. Dann kann es schon zu Problemen kommen, die nicht mehr so einfach zu behandeln sind.“, so Thiel. Aber auch bei gutartigen Erkrankungen wie Nierensteinen kann ein Jahr mehr schon den Unterschied zwischen Spontanabgang oder OP ausmachen. Einige Erkrankungen sind nach ein bis zwei Jahren so weit fortgeschritten, dass viel aufwändigere Behandlungen notwendig werden. Dabei geht es nicht immer gleich um Leben oder Tod, auch wenn Thiel in den letzten Wochen viele Patienten mit deutlich später entdeckten und damit fortgeschritteneren Tumorerkrankungen gesehen hat. Auch Erkrankungen mit „nur“ deutlicher Beeinträchtigung der Lebensqualität wie die Inkontinenz müssen nicht ertragen werden und zu einem Dauerleiden führen.

„Gegenwärtig halte ich die Besorgnis der Patienten vor Ansteckung mit Covid-19 für nicht mehr gerechtfertigt. Sowohl Praxen als auch Kliniken sind durch ausgefeilte Hygienekonzepte und weitgehend durchgeimpftes Personal nicht mehr als Risikobereiche anzusehen. Vielmehr sollten Patienten darauf achten, dass notwendige Untersuchungen nicht unterlassen werden, um nicht weitere Gesundheitsschäden zu erleiden. Ich plädiere dringend dafür, bei der Inanspruchnahme von notwendigen Gesundheitsleistungen langsam wieder Normalität einkehren zu lassen“, sagt Thiel.