Sexuelle Belästigung ist keine Seltenheit – ein Rundumschlag

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Foto: Pixabay

Ob unter Freunden, auf Arbeit oder mitten auf der Straße – sexuelle Belästigung findet nahezu überall statt und das nicht gerade selten. Ganze 97 Prozent der Frauen und 55 Prozent der Männer wurden  laut einer Studie der Hochschule Merseburg schon einmal Opfer sexueller Belästigung oder fühlten sich belästigt. Warum ist das so? Wie kann man sich schützen? Und wen trifft hier eigentlich die Schuld?

Belästigungen und Gesellschaft

In den vergangenen Jahren rückte das Thema der Belästigung immer mehr in die Öffentlichkeit. Wo früher noch eisern geschwiegen und im Stillen gelitten wurde, finden heute Diskussionen im öffentlichen Raum statt. Bekannt ist wohl den meisten die sogenannte #metoo-Debatte, die in der Vergangenheit viel Aufsehen erregte und bei der sich Opfer sexueller Übergriffe und sexueller Gewalt über die sozialen Netzwerke zu Wort meldeten und ihre Erfahrungen teilten. Im vergangenen Jahr kochte die Debatte auch in Deutschland hoch, als die Medienstars Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf eine, für beide komplett frei gestaltbare Sendezeit dazu nutzten, um auf die Ausmaße des Problems aufmerksam zu machen. 15 Minuten führten verschiedene Frauen durch die Ausstellung „Männerwelten“ und versuchten dabei ein möglichst breites Bild davon zu malen, wie und wo sexuelle Gewalt auftritt.

Belästigungen im Internet

Ein großer Teil der im Beitrag hervorgehobenen Probleme bezieht sich auf das Internet. Chat-Foren, in denen sich „Pickup-Artists“ darüber austauschen, wie sie am leichtesten Frauen (mit Unwahrheiten) um den Finger wickeln können, ungewollte Penisbilder, Anmachen und Beleidigungen – das Internet ist ein Sammelplatz für sexuelle Übergriffe. Aber es gibt auch Gegenbewegungen: Der Instagram-Account „antiflirting2“ veröffentlicht beispielsweise regelmäßig Einsendungen seiner Follower, die zeigen, wie diese in Chats belästigt werden. „catcallsofffm“, „catcallsofwiesbaden“  und viele weitere Accounts haben es sich zur Aufgabe gemacht Catcalling anzukreiden.

Catcalling, was ist das?

Menschen, die einem im öffentlichen Raum hinterherrufen, dicht neben einem gehen und versuchen ein Gespräch zu erzwingen, pfeifen oder andere Laute von sich geben – das sind sogenannte Catcaller.

Foto: Screenshot der Instagram-Seite von @catcallsofffm

Auch jemanden anhupen, der an einer Bushaltestelle wartet zählt dazu. Catcalling ist ein riesiges Problem und kann bei Betroffenen einerseits zu körperlichen Beschwerden wie Atemnot, starker Angst und Ähnlichem im Rahmen einer Panikattacke führen, zum anderen aber auch generell das Gefühl erzeugen, der oder die betroffene Person wäre draußen nicht sicher. Eine im Jahr 2010 angelegte Studie zeigt: Frauen, die schon einmal Opfer von Catcalling geworden sind, haben häufiger Angst vor einer Vergewaltigung und beschäftigen sich verstärkt mit dem eigenen Körperbild. Die zuvor genannten Accounts, wie eben „catcallsofdarmstadt“ wollen Betroffenen die Angst nehmen und schreiben mit Kreide an den Orten, an denen sexuelle Übergriffe stattgefunden haben, was die Täter von sich gegeben haben.

Prävention und Arbeitswelt

Mit solchen Aktionen wird viel Aufmerksamkeit auf das Thema gelenkt und betont, wie wichtig es ist, zu zeigen, dass Betroffene nicht alleine sind. Noch besser wäre es aber, wenn es gar nicht erst zu sexuellem Missbrauch kommen würde. Um präventiv dagegen vorzugehen, hat die Hans Böckler Stiftung im Jahr 2017 eine Studie veröffentlicht, die zeigt, das eine Mischform aus Sensibilisierung, Prävention und ein geregelter Beschwerdeablauf dazu führen kann, dass sexueller Missbrauch am Arbeitsplatz zumindest seltener vorkommt. Das ist besonders dann wichtig, wenn man bedenkt, dass bei einer der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) von 2015 heraus kam, dass ganze 17 Prozent der befragten Frauen nach eigener Einschätzung bereits sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erlebt haben.

Subjektivität und Schuldsuche

Sexuelle Belästigung ist aber nicht immer eindeutig. Was der Eine als kleinen Flirt sieht, kann für die Andere schon höchst unangenehm sein. In manchen Momenten ist es okay, wenn ein Arbeitskollege ein Kompliment macht, in anderen wirkt es übergriffig. Jeder Mensch zieht seine Grenzen unterschiedlich. Wichtig ist also offen zu kommunizieren, Grenzen deutlich zu machen und um Konsens zu bitten, bevor man einen Fehler begeht. Opfern sexueller Gewalt wird häufig die Schuld daran gegeben, dass sie belästigt worden sind. Frauen wird vorgeworfen, sie seien vermutlich zu knapp bekleidet gewesen und Männern wird eingeredet, sie würden die Aufmerksamkeit von Frauen doch genießen. Aber nein, sexuelle Belästigung ist falsch, egal wen es trifft.

Wenn Sie von sexualisierter Gewalt betroffen sind oder sich mit dem Thema nicht gut fühlen, finden Sie Unterstützung beim Hilfetelefon für Gewalt gegen Frauen (Tel.: 08000 166 016) oder auch bei ProFamilia