„Wir kämpfen für den Frieden!“ – Interview mit Eppertshausener Olympia-Karateka

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Foto: Auf nach Tokio! Ernes Erko Kalac (l.) und Wael Shueb kurz vor der Abreise am Sportlereingang der Eppertshäuser Bürgerhalle.

Interview: Eppertshausens Olympia-Karateka Wael Shueb und sein Förderer und Vereinschef Ernes Erko Kalac über die letzten Wochen vor dem Kata-Wettbewerb in Tokio sowie ihre sportlichen und ideellen Ziele

Abflug zum größten Wettkampf seines Lebens: Am Sonntag ist Wael Shueb (33) vom Frankfurter Flughafen aus Richtung Olympische Spiele gestartet – allerdings mit Zwischenstopp. Ehe für den Karateka des GKV Lotus Eppertshausen am 5. und 6. August in Tokio bis zu einem halben Dutzend Katas (Formenläufe/Kämpfe gegen imaginäre Gegner) anstehen, bestreitet er noch ein Trainingslager des IOC-Flüchtlingsteams in Doha (Katar). Der aus dem syrischen Damaskus stammende, 2015 nach Deutschland geflüchtete und durch Arbeit, Freundin, Verein und Sprache mittlerweile perfekt integrierte Kampfkünstler wird dort mit 28 weiteren, aus ihren Heimatländern vertriebenen Athleten am letzten Feinschliff arbeiten.

Weil Shuebs Trainer Mohammed Abu Wahib, der ein Dojo in Höchst im Odenwald betreibt, Ende Juli privat verhindert ist, begleitet Shueb in den nächsten Wochen ein weiterer Eppertshäuser: Ernes Erko Kalac (57), Vorsitzender des Gesundheits- und Kampfsportvereins Lotus, der schon mehrfach für sein soziales Engagement (kostenlose Mitgliedschaften für Ärmere, inklusives Training, Spendengalas) ausgezeichnet wurde. Kalac, der aus Montenegro stammt und mit seiner erfolgreichen Vita vielen Einwanderern in Eppertshausen Vorbild ist, war früher selbst Weltklasse-Karateka, war beispielsweise Europameister und Weltcup-Sieger im Kumite (Kampf) und holt auch in der Kata internationale Erfolge. Als Trainer brachte er ebenfalls Spitzensportler voran, ist mit den Größen der Verbände bestens vernetzt, betreibt ein Unternehmen, das Bildung und Sport fördert, und unterstützt Shueb als Mentor.

Vor der Abreise hat sich unsere Zeitung mit Shueb und Kalac unterhalten.

Herr Shueb, wie sehen die letzten Wochen vor dem Wettkampf Anfang August aus?

Wael Shueb: Nach dem Trainingslager des Flüchtlingsteams in Doha reisen wir direkt weiter nach Tokio. Dort trainiere ich zusammen mit den Japanern, die auch den aktuellen Weltmeister und einen weiteren sehr starken Karateka stellen, den ich als Favoriten sehe. Wohnen werde ich im Olympischen Dorf.

Welchen Einfluss hatte Corona auf Ihre Vorbereitung?

Shueb: Wir hatten kein Fitnessstudio und keine Sporthalle, die Intensität war deshalb ganz anders. Bei meinem Trainer in Höchst durfte ich weitermachen. Wegen meiner Corona-Impfung mit Johnson & Johnson hatte ich ein paar Tage Pause. Mein letzter Wettkampf liegt weit zurück: Das war die Deutsche Meisterschaft im Februar 2020. Zum Glück habe ich das zusätzliche Jahr mit Training und Vorbereitung durchgezogen.

Ernes Erko Kalac: Corona hat alles verändert. Erst die Verschiebung um ein Jahr, jetzt der Zuschauerausschluss. Wir haben unser Ziel aber nie aus den Augen verloren. Anderen Athleten geht es auch so.

In den vergangenen Monaten konnten Sie sich wegen Corona ganz auf die Olympia-Vorbereitung konzentrieren. Im Gegensatz zu anderen Sportlern, die Profis sind, hatten Sie davor aber noch ganz andere Aufgaben …

Shueb: Ich habe in einem Eppertshäuser Fitnessstudio meine Ausbildung zum Fitnesskaufmann gemacht. Nach den bestandenen Prüfungen hat mich der GKV Lotus als Trainer eingestellt.

Kalac: Es war wichtig, dass Wael in letzter Zeit den Rücken freihatte und wir ihm durch die Anstellung in unserem Verein die finanziellen Sorgen nehmen konnten. So konnte er gezielt an den Techniken, seiner Dynamik und Explosivität arbeiten.

Als Flüchtling und als lokaler Kampfsportverein schwimmt man nicht im Geld. Wie haben Sie die lange Phase der Vorbereitung und die Reise nach Tokio – alles zusammen ein sechsstelliger Betrag – finanziert?

Kalac: Wir haben Unterstützung von allen Seiten bekommen – vom IOC, von Trainer Mohammed Abu Wahib, von Sponsoren, zu denen ich auch selbst  und vom Deutschen Karate-Verband. Das IOC-Stipendium hat den größten Teil ausgemacht. Wichtig war auch das Geld, das wir als Verein für Wael und seine Trainertätigkeit ausgegeben haben. Die Anstellung bei uns hat ihm genug Zeit für seine eigene Vorbereitung gelassen. Mit Geldsorgen und hungrigem Magen trainiert man schließlich schlecht.

Reicht die Form, um in den Kampf um die vier Medaillen – die bronzene wird in der Kata zweimal vergeben – zu denken?
Foto: Körperspannung bis in die letzte Faser: Wael Shueb im Karateanzug.

Shueb: Ich fliege hin, um zu gewinnen. Mit dem Gewinnen meine ich aber nicht nur eine Medaille. Ich will auch zeigen, dass wir Flüchtlinge nach allem, was uns passiert ist, eine Chance verdienen und etwas Großes leisten können. Und dass wir ganz generell etwas Positives für die Gesellschaft tun können, wie ich beispielsweise als Trainer von Kindern und Jugendlichen – oft aus sozial schwächeren Familien – in Eppertshausen.

Kalac: Mit dem Flüchtlingsteam zeigt das IOC, dass der Sport einen Schritt voraus ist. Besonders Thomas Bach hat die Integration durch den Sport in Deutschland auf eine neue Ebene gehoben. Das sportliche Ziel von Wael und mir ist, dass er in Tokio seine beste Leistung zeigt und unseren Verein sowie Deutschland – obwohl er ja weder dem deutschen noch dem syrischen Nationalteam, sondern dem Flüchtlingsteam angehört – bestmöglich repräsentiert. Unser ideelles Ziel lautet: Wir kämpfen für den Frieden! Auch ich selbst bin einst vor Krieg geflohen und so hierher gekommen. Wir zeigen, dass wir trotz unserer Flucht etwas Wertvolles und Gutes für Deutschland leisten können.

(Text: Jedö)