Eppertshäuser Karateka holt fürs IOC-Flüchtlingsteam Platz elf in der Kata

156
Wael Shueb (l.) mit Ernes Erko Kalac in Tokio (Foto: privat)

Für eine Medaille reichte es deutlich nicht, trotzdem ist für Wael Shueb am Freitag ein Traum wahr geworden: Als Teil des IOC-Flüchtlingsteams wurde der Karateka des GKV Lotus Eppertshausen bei den Olympischen Spielen in Tokio Elfter in der Kata.

Nach zwei der Formenläufe gegen imaginäre Gegner war das Turnier für den 33-Jährigen, der 2015 aus Syrien ins Rhein-Main-Gebiet floh und heute in Urberach wohnt, zwar beendet. Auch aufgrund der schwierigen Vorbereitung war der Karateka anschließend aber mit sich im Reinen. Sein Förderer Ernes Erko Kalac, der Vorsitzender des Eppertshäuser Gesundheits- und Kampfsport-Vereins ist und Shueb nach Fernost begleitete, bewies nach einem Schicksalsschlag ebenfalls immense Stärke.

Kurz vor dem Wettkampf am Freitag erfuhr Kalac in Tokio vom Tod seiner Schwester. Um Shueb in der finalen Vorbereitung auf den größten Tag seiner Sportlerkarriere nicht zu stören, verschwieg Kalac seinem Schützling die traurige Nachricht zunächst. „Ich habe gemerkt, dass was passiert ist“, sagte Shueb. „Er hat es mir aber erst nach dem Wettkampf gesagt. Damit hat er große Stärke gezeigt.“

Sportlich erwischte Shueb, der vor seiner Flucht aus Damaskus dem syrischen Nationalteam angehört hatte und die Konkurrenz der zehn weltbesten Karateka per Wildcard erweiterte, die schwerere der beiden Vorrundengruppen. Von 26 Katas seiner Stilrichtung Shotokan hatte der Athlet sechs Stück vorbereitet – wegen seines Aus’ in der Gruppenphase durfte er nur zwei präsentieren. Sowohl die „Unsu“ als auch die „Kanku Sho“ bewerteten die Kampfrichter mit etwas über 23 Punkte, in der athletischen sowie in der anteilig wichtigeren technischen Ausführung. Mit einem Durchschnitt von 23,3 Punkten war für ihn als Letzter seiner Sechsergruppe Schluss. Fürs Weiterkommen hätten es 26 Punkte sein müssen. Goldmedaillen-Gewinner Ryo Kiyuna aus dem Karate-Mutterland Japan, wo die Sportart mit ihren Disziplinen Kata und Kumite (Kampf) erstmals im Olympia-Programm stand, erzielte in der Vorrunde einen Schnitt von 28,3 Punkten. Der deutsche Teilnehmer und ehemalige Vize-Weltmeister Ilja Smorguner schied mit 24,6 Punkten aus.

„Meine Leistung hätte besser sein können, wenn ich intensiver hätte trainieren dürfen“, resümierte Shueb, der sich angesichts lange geschlossener Fitnessstudios und Sporthallen in Deutschland wenig vorzuwerfen hatte. Zudem meisterte er seit seiner Nominierung 2018 parallel zum Leistungssport eine Ausbildung zum Fitnesskaufmann, lernte perfekt Deutsch und arbeitete ehrenamtlich als Trainer beim GKV Lotus Eppertshausen, wo er inzwischen fest angestellt ist. „Das war eine sehr anstrengende Zeit“, pustete er am Freitagabend durch.

Nach einer Auszeit mit seiner Freundin möchte er dennoch weiter Karate auf Spitzenniveau betreiben: „Ich will bei der Deutschen Meisterschaft und bei der WM antreten“, kündigte er an. Bei Olympia bleibt es für die Sportart beim einmaligen Gastspiel, sie ist 2024 in Paris schon wieder nicht mehr dabei. Für Wael Shub aber noch wichtiger: „Ich will weiter die Botschaft verbreiten, dass Flüchtlinge erfolgreiche Mitglieder der Gesellschaft werden können. Daher kämpfe ich weiter – für Deutschland, das IOC-Flüchtlingsteam, meine Familie und den Frieden!“

(Text: jedö)