Vielfalt ist der Schlüssel, um aus einem Garten einen Lebensraum zu schaffen – Dr. Folko Kullmann

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Wo Stauden sind, wächst kein Unkraut. Foto: BGL/Folko Kullmann.
Dr. Folko Kullmann ist Fachautor und Fachlektor für Gartenbau, Chefredakteur der Fachzeitschrift Gartenpraxis, Autor vieler Fachbücher, Mitinhaber eines Redaktionsbüros in Stuttgart und seit 2016 Präsident der Gesellschaft der Staudenfreunde (GdS).

Herr Dr. Kullmann, was bedeutet für Sie „Pflanzenvielfalt” im Garten?
Kullmann: Vielfalt bedeutet vor allem: Arten- und Sortenvielfalt. Angesichts der über 5.000 verfügbaren Stauden, Sträucher und Bäume bin ich immer wieder überrascht, wenn jemand meint, ein Garten sei mit Rasen, Kirschlorbeer, ein paar Hortensien und Chinaschilf schon gestalterisch anspruchsvoll bepflanzt. Wir brauchen Vielfalt in den Gärten, viele verschiedene Arten und Sorten, Bäume, Sträucher, Stauden, ein- und zweijährige Sommerblumen, Immergrüne, Gräser, Farne und, und, und … die vom Frühjahr bis in den Winter attraktive, sich immer wieder ändernde Gartenbilder erzeugen. Vielfalt ist der Schlüssel, um aus einem Garten einen Lebensraum zu schaffen. Nicht nur für uns Menschen, auch für Tiere und Pflanzen. Dazu kommt: Je vielfältiger der Garten, umso wen iger schnell können sich Schädlinge wie Buchsbaumzünsler oder Dickmaulrüssler ausbreiten.

 

Apropos Lebensraum: Wie können private Gärten dazu beitragen, Lebensräume für Schmetterlinge, Wildbienen, Hummeln, Vögel, Igel und Co. zu schaffen? … und was bedeutet das für den Garten- und Landschaftsbau?
Kullmann: Gärten sind unverzichtbar geworden, als Refugium für Tiere und Pflanzen aller Art. Die ausgeräumte „freie” Landschaft hat mit Natur wenig gemein. Sie ist größtenteils nur noch industriell genutzte Produktionsfläche für den Ackerbau und Forst. In unseren Gärten können wir Refugien schaffen, voller Leben, ohne Pestizide und andere Gifte. Ein kleiner Haufen alter Äste, lose aufgeschüttete Steine, artenreiche Blumen- und Staudenbeete, viel mehr ist nicht nötig, um Insekten und Co. anzulocken.
Für den GaLaBau bedeutet das, dass noch ressourcenschonender gearbeitet werden muss. Naturstein muss nicht einmal um den Globus verschifft werden, brauchen wir wirklich so viel Tropenholz? Wir müssen die versiegelten Flächen im Garten reduzieren, sprich Fugen offen – und besiedelbar – lassen. Gartenarbeiten müssen schonender werden, mehr Handarbeit ist gefragt, statt Maschineneinsatz mit schwerem Gerät, das die Bodenstruktur zerstört. Und bei den Pflanzen werden wir nicht umhinkommen, uns wieder auf die traditionellen Pflanzzeiten im Frühjahr und Herbst zu beschränken. Denn während der Wachstumszeit in der Sommerhitze gepflanzte Stauden und Gehölze gehen fast unweigerlich ein.

Wie stehen Sie zu „Exoten” bzw. wie bewerten Sie den Einfluss des Klimawandels auf die Sortimente und auf die Pflanzenverwendung in Privatgärten?
Kullmann: In unserer globalisierten Welt ist es schwer, von Exoten zu sprechen. Ich sehe exotische Arten als Bereicherung, die unsere heimische Flora – ohne

Wilde, bunte Wiesenpracht mit Knautia macedonica. Foto: BGL/Folko Kullmann.

die es im Garten nicht geht – ergänzen. Allerdings müssen wir angesichts der Klimaveränderungen vorsichtiger sein bei der Auswahl, denn was heute noch zahm im Garten wächst, kann sich morgen schon invasiv in die freie Landschaft verbreiten. Dabei darf aber nie vergessen werden, dass die Natur keine „bösen”, „gefährlichen” oder „schädlichen” Pflanzen und Tiere kennt. Invasive Arten zu verteufeln, dient nur dazu, den „Schwarzen Peter” von sich zu schieben. Generell brauchen wir in den Gärten der Zukunft noch viel mehr heimische Arten, um die Biodiversität zu fördern. Und wenn man diese noch mit ein paar passenden Exoten, die einen ähnlichen ökologischen Nutzen haben, ergänzt, wird aus einem Garten schnell ein artenreicher Bio-Hotspot. Dann ist es auch nicht so schlimm, wenn manche Arten klimawandelbedingt ausfallen. Da wird es im Sortiment noch einige Veränderungen geben. Nicht alles, was früher problemlos wuchs, wird auch in den nächsten Jahren noch gedeihen. Manche Gewächse entwickeln Wucherpotenzial und andere werden neu in den Garten einziehen. Schon jetzt gehören viele ehemals „grenzwertig winterharte” Arten wie Hanfpalme, Patagonisches Eisenkraut und Orangenblume zum vertrauten Anblick in vielen Gegenden.

Attraktive Blumenbeete, die wenig Pflege brauchen und das ganze Jahr über gut aussehen, stehen auf der Wunschliste vieler Gartenbesitzer ganz oben. Welche Tipps geben Sie zum „perfekten Beet”?
Kullmann: Ich kann den Wunsch vieler Menschen nach einem pflegeleichten Garten gut verstehen. Ich möchte auch nicht den ganzen Tag in der Wohnung saugen, wischen, bügeln und aufräumen. Wer jedoch einen schönen Garten haben möchte, muss auch etwas investieren. In die Gestaltung, die Pflanzen und die Pflege. Mit den richtigen Pflanzen und der richtigen Pflanzenauswahl lässt sich gerade bei der Pflege viel Zeit, Nerven und Geld sparen. Wenn Standort und Pflanze zusammenpassen, wachsen Stauden, Sträucher und Co. optimal, Krankheiten und Schädlinge haben wenig oder keine Chancen und „Unkraut” kann sich wenig ausbreiten.

Artenreiche Staudenbeete wie diese von Mitgliedern der Gesellschaft der Staudenfreunde geplanten und angelegten im Rombergpark in Dortmund bieten zahlreichen Tieren Lebensraum und Nahrung. Foto: BGL/Folko Kullmann

Viele GartenbesitzerInnen haben heute nur wenig Pflanzenkenntnis und Gartenerfahrung. Andererseits wächst das Interesse für naturnahe Gärten und der Wunsch nach Naturerfahrung im eigenen Garten. Eine Chance für den GaLaBau mit Pflanzenkompetenz?
Kullmann: Ja! Gerade Menschen, die sich für das Thema Naturgarten und naturnahes Gärtnern interessieren, beschäftigen sich intensiv mit der Materie und informieren sich im Internet, mit Büchern und auf Seminaren. Der GaLaBau muss hier mithalten können, wenn solche Menschen als Kunden gewonnen werden sollen. Je mehr Pflanzenwissen Gärtnerinnen und Gärtner haben und an ihre Kunden weitergeben können, umso kompetenter werden sie wahrgenommen. Und umso attraktiver und klimaresilienter werden die Pflanzungen sein, die sie anlegen.

Was empfehlen Sie jungen LandschaftsgärtnerInnen in Sachen Pflanzenvielfalt?
Kullmann: Immer am Ball bleiben. So schnell wie der Klimawandel voranschreitet, so schnell ändern sich Pflanzensortimente. Das Pflanzenwissen, das bei der Ausbildung oder im Studium vermittelt wurde, reicht da nicht mehr. Fachmagazine, Fortbildungen, Seminare sind nur einige der vielen Möglichkeiten, auf dem Laufenden zu bleiben.

Mehr unter: www.kullmann-partner.de und www.gartenpraxis.de – und auf www.mein-traumgarten.de – Quelle: BGL