Psychiatrie soll kein Tabuthema sein

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(Symbolfoto: Pixabay)

Martin Pfeiffer ist neuer Geschäftsführer der Asklepios Klinik für Psychische Gesundheit in Langen. Nach dem gerade beendeten Umbau wird dort schon wieder über neue Vorhaben nachgedacht.

Für Menschen, die in ihrer Familie noch nie mit einer psychischen Erkrankung zu tun hatten, sei das Thema „erst einmal weit weg“, sagt Martin Pfeiffer. Manche betrachteten es auch als ein Tabu, über das man nicht sprechen wolle. „Im Endeffekt ist das aber eine ganz normale Erkrankung“, fügt der Geschäftsführer der Asklepios Klinik für Psychische Gesundheit in Langen hinzu. Nur sei halt nicht das Herz oder das Knie betroffen, sondern das Gehirn. Pfeiffer hält es für wichtig, das Thema Psychiatrie zu enttabuisieren: „Man soll sich trauen, Hilfe zu holen, weil es in der Regel nicht besser wird, wenn man wartet.“
Die Asklepios Klinik für Psychische Gesundheit böte sich in solchen Fällen als Anlaufstelle an. Doch in den vergangenen Corona-Monaten befürchteten viele Kranke, sich im Krankenhaus mit dem Virus zu infizieren. Nach Pfeiffers Worten warten viele Menschen mit psychischen Erkrankungen derzeit zu lange, ehe sie sich helfen lassen. Um das Risiko für Patienten und Mitarbeiter so gering wie möglich zu halten, folgt die Asklepios Klinik für Psychische Gesundheit einem strengen Hygiene-Konzept. Alle Patienten müssen sich einem PCR-Test unterziehen, dessen Ergebnis schon drei Stunden später vorliegt. Erst nach einem negativen Befund beginnt die Therapie. Weil viele Kranke den Klinikaufenthalt aufschieben, rechnet Pfeiffer damit, dass die Zahl schwererer Fälle zunehmen wird. Diese Tendenz könne man schon jetzt feststellen: Viele Patienten seien „fortgeschrittener erkrankt, als es hätte sein müssen“.

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Martin Pfeiffer ist neuer Geschäftsführer der Asklepios Klinik für Psychische Gesundheit in Langen. (Foto: Asklepios Klinik für Psychische Gesundheit Langen)

Im April übernahm der 40 Jahre alte Diplom-Betriebswirt Pfeiffer die Geschäftsführer-Stelle in Langen. Das Gesundheitswesen kennt er aus unterschiedlichen Perspektiven: Nach der Ausbildung zum Rettungsassistenten studierte er Betriebswirtschaft und war danach für verschiedene Kliniken und Krankenhäuser tätig. Gewissermaßen nebenher absolvierte er noch den Studiengang Gesundheitsökonomie, den er mit dem „Master of Health Business Administration“ abschloss. Vor seinem Wechsel nach Langen wirkte Pfeiffer vier Jahre bei der Klinikgruppe Mediclin als Kaufmännischer Direktor für deren zwei hessische Standorte. Beide Häuser verfügen über insgesamt rund 600 Betten und beschäftigen 550 Mitarbeiter. An der Mediclin AG ist Asklepios mit etwas mehr als 50 Prozent beteiligt.

Mit Psychosomatik kenne er sich aus, sagt Pfeiffer, der verheiratet ist und zwei kleine Kinder hat. Ihn habe gereizt, ein „Psychiatrisches Krankenhaus“ zu übernehmen, „und die Psychiatrie an sich hat mich auch interessiert“. Dies sei eine „spannende Aufgabe“; zwischen Psychosomatik und Psychiatrie gebe es einige Verbindungen: „Die Herausforderungen sind ähnlich, es gibt aber doch klare Unterschiede in den Anforderungen und Strukturen.“ Die Asklepios Klinik für Psychische Gesundheit in Langen verfügt über fünf Stationen mit 112 Betten und beschäftigt mehr als 160 Mitarbeiter. Zu ihr gehören noch zwei Tageskliniken mit 25 Plätzen in Langen und 18 Plätzen in Seligenstadt sowie zwei Institutsambulanzen, die ebenfalls in diesen beiden Städten angesiedelt sind. Versorgt werden vor allem Patienten aus dem Kreis Offenbach. Die etwas übersichtlichere Größe des Hauses im Vergleich zu seiner früheren Wirkungsstätte hielt Pfeiffer nicht ab: „In kleineren Kliniken muss man viel mehr selbst übernehmen.“ Dass die Langener Klinik näher zum Wohnort seiner Familie in der Wetterau liegt, war ein angenehmer Nebeneffekt.

Pfeiffer folgt auf Antonia Schenk Gräfin von Stauffenberg, die eineinhalb Jahre in Langen tätig war und vor wenigen Monaten die Geschäftsführung der Asklepios Paulinen Klinik in Wiesbaden übernahm. Bei seiner Ankunft in der Klinik für Psychische Gesundheit fand er eine Baustelle vor. Die „heiße Phase“ am Ende der Arbeiten habe er noch mitbekommen, erläutert Pfeiffer. In den vergangenen drei Jahren wurden drei Stationen saniert und modernisiert. Asklepios stellte dafür mehr als 1,5 Millionen Euro aus Eigenmitteln bereit. Im Juli wurde der Umbau weitgehend abgeschlossen. Ursprünglich hatte es schneller gehen sollen, doch die Corona-Pandemie wirkte sich auch hier aus: Etliche Baumaterialien ließen länger auf sich warten als geplant. Die neue Suchtstation mit 24 Plätzen, in der alkohol- und tablettenabhängige Patienten Hilfe finden, wird nach Pfeiffers Worten derzeit gerade hochgefahren und belegt. Zuvor wurden die Gerontopsychiatrie, die an Demenz erkrankte ältere Menschen aufnimmt, und die geschlossene Akutstation modernisiert. Durch den Umbau wird sich die Kapazität des Hauses auf 118 Betten erhöhen.

Die Klinik ist nach Pfeiffers Worten für ihre Aufgabe gut aufgestellt. Als nächstes soll die Gerontopsychiatrie im dritten Stock noch eine Außenfläche erhalten; geprüft wird, die Dachfläche entsprechend umzubauen. Der Innenhof des Gebäudes, der als Außenfläche für die geschlossene Station dient, soll attraktiver gestaltet werden. In der Tagesklinik in Langen reicht der Platz unter Corona-Bedingungen angesichts großer Nachfrage nicht mehr aus. Derzeit werde überlegt, „welche anderen Optionen es noch gibt“, sagt Pfeiffer.

Mit dem gerade beendeten Umbau wird im ganzen Haus WLAN verfügbar sein. „Wir sind ein digitales Krankenhaus“, sagt Pfeiffer. Es gibt keine Patientenakten in Papierform mehr. Das Thema „Digitale Visite“ bekomme immer größere Bedeutung: Die Plattform „Minddistrict“ ermöglicht es der Klinik, Patienten eine Fortführung der Therapie zu Hause mittels App und Videotelefonie anzubieten. Ein solches Angebot werde zunehmend zum wichtigen Baustein neben der stationären, der tagesklinischen und der ambulanten Versorgung.

Begonnen hat das neue Projekt „Stationsäquivalente Behandlung“ (StäB): Es ist für Patienten gedacht, die wegen einer psychischen Erkrankung eigentlich stationär behandelt werden müssten, ihr soziales Umfeld aus wichtigen Gründen aber nicht verlassen können. Dem Team, das diese Fälle übernimmt, gehören Ärzte, Psychologen, Pfleger, Sozialtherapeuten und Sozialarbeiter an. Jeden Tag komme jemand zu den Patienten ins Haus und versorge sie. Der personelle und logistische Aufwand dafür ist groß. In Frage kommt diese Behandlungsform etwa, wenn der oder die psychisch Kranke zu Hause eine pflegebedürftige Partnerin oder einen pflegebedürftigen Partner hat.

Derzeit sucht die Asklepios Klinik für Psychische Gesundheit Ärzte in Weiterbildung oder Stationsärzte und examinierte Pflegekräfte zur Verstärkung des Teams. Die Größe des Hauses ermöglicht eine familiäre Arbeitsatmosphäre, und jeder kennt jeden. Asklepios verfüge über eine eigene Krankenpflegeschule in Dreieich; da falle es leichter, Pflegekräfte zu gewinnen. Viele Nachwuchskräfte entschieden sich bewusst für einen Arbeitsplatz in der Psychiatrie. Die Klinik könne fast alle Auszubildenden der Krankenpflegeschule nach dem Abschluss übernehmen. Mit dem Anstieg der Bettenzahl werde die Zahl der Mitarbeiter auf 170 klettern.

Vom nächsten Jahr an soll eine neue Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses zur Personalmindestausstattung in der Psychiatrie und Psychosomatik (PPP-RL) gelten. Nach Pfeiffers Ansicht sorgt diese für noch mehr Bürokratie im Gesundheitswesen, die es ja eigentlich zu reduzieren gilt. Das Papier schreibe vor, welche Berufsgruppe in welcher Anzahl bei einem Patienten anwesend sein müsse. Für jeden Patienten müsse man je nach Schwere der Erkrankung ausrechnen und nachweisen, wie viele Minuten ein Mitarbeiter für den jeweiligen Patienten aufgewandt habe. „Das ist ein Wahnsinn, zumal es die Qualität der Patientenbehandlung nicht verbessert und noch mehr Zeit für die Dokumentation und Nachweisführung aufgewendet werden muss“, macht Pfeiffer deutlich. Mit dieser Einschätzung stehe er nicht allein: Andere psychiatrische Kliniken seien zum gleichen Urteil gekommen.

(Text: PM Asklepios Klinik für Psychische Gesundheit Langen)