Oberbürgermeister Feldmann im Gespräch mit Sybille Genzmehr – „Wenn wir unser Zusammenleben mit Respekt organisieren, funktioniert es“

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Oberbürgermeister Peter Feldmann im Gespräch mit Sybille Genzmehr (©Stadt Frankfurt am Main, Foto: Ben Kilb)

Seit 28 Jahren führt Sybille Genzmehr den von ihr mitgegründeten Mieterbeirat der Otto-Brenner-Siedlung in Sossenheim. Aus Altersgründen hört die 74-jährige ehemalige Ausbilderin für Pflegeberufe Ende des Jahres mit ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit auf.

Ein Einschnitt für die Siedlung, denn mangels Nachfolge für Genzmehr und ihre Mitstreiter bedeutet das auch das Aus für die Arbeit in der Siedlung. Der Mieterbeirat wurde für sein Engagement zweifach mit dem Nachbarschaftspreis der Stadt Frankfurt ausgezeichnet und 2018 zu seinem 25. Geburtstag im Kaisersaal empfangen. Oberbürgermeister Peter Feldmann hat sich am Donnerstag, 23. Dezember, mit Genzmehr getroffen und mit ihr über die Arbeit in der Siedlung gesprochen.

OBERBÜRGERMEISTER PETER FELDMANN: Frau Genzmehr, Sie sind seit 1993 Vorsitzende des Mieterbeirates der Otto-Brenner-Siedlung. Wie hat sich Ihre Arbeit in dieser Zeit verändert?

SYBILLE GENZMEHR: Wir konnten unsere Arbeit auf solide Füße stellen, nachdem die Nassauische Heimstätte (NH) uns ab 2004 finanziell unterstützte und wir uns eine Satzung gegeben hatten. Der Mieterbeirat wurde dadurch handlungsfähiger. Wir konnten dadurch vieles institutionalisieren wie Mieterberatung sowie große Kinder- und Jugendfeste. Im Laufe der Zeit wurden auch immer mehr von uns angestoßene Entwicklungen sichtbar, wie etwa der Bolzplatz, von Künstlern gestaltete Hauswände oder die Tempo-30-Zone in der Siedlung. Als neues Thema ist der Kampf gegen wilde Müllablagerungen hinzugekommen, was uns nicht von anderen Teilen der Stadt unterscheidet.

OBERBÜRGERMEISTER PETER FELDMANN: Welche Veränderungen gab es noch?

GENZMEHR: 1977 nach Fertigstellung der Siedlung sind wir hier eingezogen und gehören noch zur ersten Generation der Mieter. Damals gab es bei uns noch kaum Nachbarn mit Migrationshintergrund. Das änderte sich mit der Zeit und der Bedarf an Hilfe – etwa beim Kontakt mit Ämtern oder dem Vermieter – wurde mehr. Das alles hat zu einer hohen Akzeptanz unserer Arbeit in der Nachbarschaft geführt. Gleichzeitig empfinde ich diese Veränderung als Bereicherung. So sind unlängst eine syrische und eine afghanische Flüchtlingsfamilie zu uns gezogen. Ich erlebe alle Nachbarn mit Migrationshintergrund als sehr herzlich und hilfsbereit.

FELDMANN: Wie ist es damals zur Gründung des Gremiums gekommen?

GENZMEHR: Mit der Zeit hatten wir das Gefühl, die NH kümmert sich nicht richtig um die Siedlung. Das führte dazu, dass wir uns mit mehreren Nachbarn zusammentaten, um ein „Sprachrohr der Mieter“ ins Leben zu rufen. Das hat die NH zuerst einmal nicht gefreut. Wir wurden kritisch beäugt. Doch mittlerweile ist das Verhältnis ein anderes. Wir begegnen uns auf Augenhöhe mit gegenseitigem Respekt. Denn der Vermieter hat erkannt, dass unsere Nachbarschaftsarbeit auch ihm nutzt. Gleichzeitig hilft uns die NH nicht nur mit Geld, sondern auch mit Räumen, beim Postversand oder durch praktische Unterstützung bei Festen in der Siedlung.

FELDMANN: Was war rückblickend der größte Erfolg Ihrer Arbeit?

GENZMEHR: Das kann ich ganz klar benennen. 2012 wollte das Land Hessen die NH verkaufen. Hiergegen haben wir uns mit anderen Betroffenen gewehrt, auch der DGB machte mit. Es kam zu einer großen Unterschriftsaktion und fast alle bei uns in der Siedlung unterschrieben. Ich war dann zusammen mit zwei besonders aktiven Bewohnerinnen aus anderen Siedlungen der NH im Landtag, als wir die Petition übergaben und eine Pressekonferenz machten. Die öffentliche Stimmung führte dazu, dass die NH nicht verkauft wurde und weiter in öffentlichem Besitz ist. Dieser Erfolg war nur möglich, weil wir von vielen anderen Unterstützung bekamen. Auch Sie gehörten damals dazu, wofür ich mich noch einmal bedanke.

FELDMANN: Den Dank gebe ich gerne zurück, Frau Genzmehr. Lassen Sie uns zu einem anderen Thema kommen: Seit 1999 gibt es bei Ihnen einen Jugendbeirat. Wie sind die Erfahrungen mit diesem Gremium?

GENZMEHR: Lassen Sie mich kurz von der Entstehung berichten. Der Jugendbeirat ist 1999 entstanden. Es gab damals immer wieder Probleme mit jungen Leuten, die nachts im Freien Lärm machten, und andere deshalb nicht schlafen konnten. Irgendwann bin ich dann selber vor die Tür gegangen – Angst kenne ich nicht – und habe sie zur Rede gestellt. Die Jugendlichen sagten, sie hätten keinen Ort, wo sie hingehen könnten. So ist damals die Idee mit dem Jugendbeirat entstanden, damit diese Bewohnergruppe auch gehört wird. Tatsächlich ist es dann auch gelungen, ihnen einen Raum zu verschaffen. Auch andere Initiativen wie etwa für den Bolzplatz oder Anregungen für den Jugendraum konnten wir so gemeinsam auf den Weg bringen. Der Jugendbeirat veranstaltet zusammen mit dem Mieterbeirat Aufräumaktionen, organisiert Feste oder bringt Weihnachtskarten zu älteren Nachbarn. Nach allem kann ich nur sagen: Meine Erfahrungen sind sehr gut.

FELDMANN: Wenn wir Ihre Arbeit mit anderen Mieterbeiräten in der Stadt vergleichen: Was ist das Besondere bei Ihnen?

GENZMEHR: Es ist sicherlich die Kontinuität und der Grad der Vernetzung. So arbeiten wir seit 23 Jahren im Regionalrat mit, kooperieren seit langer Zeit mit der Polizei, den Kirchengemeinden und dem Quartiersmanagement. Mit dem Haus des Jugendrechts sind wir ebenfalls vernetzt. Hinzu kommt das bereits erwähnte gute Verhältnis zur NH. Dabei hilft die Vielzahl der gewachsenen persönlichen Kontakte.
Uns zeichnet dabei die Vielfalt der Arbeit aus. Wir kümmern uns um soziale Anliegen, helfen jungen und älteren Menschen gleichermaßen, praktizieren Mitbestimmung und unterstützen bei der Wohnumfeldgestaltung.

FELDMANN: Lassen Sie uns von der Gegenwart in die Zukunft blicken. Welche Herausforderungen kommen auf die Otto-Brenner-Siedlung in den kommenden Jahren zu?

GENZMEHR: Mein Eindruck ist leider, dass die Ablehnung gegen Menschen mit Migrationshintergrund zunimmt. Es fällt mir schwer, diese Entwicklung zu verstehen. Denn wenn wir unser Zusammenleben auch in Zukunft mit Respekt voreinander organisieren, funktioniert es auch. Das gilt für alle, die hier wohnen, und bedeutet, unterschiedliche Kulturen sowie Lebensstile zu respektieren und zu akzeptieren.

FELDMANN: Dieser Haltung kann ich nur zustimmen. Rassismus und Menschenfeindlichkeit haben in unserer Stadt keine Chance. Frau Genzmehr, Sie geben das Amt demnächst ab. Wie lauten Ihre Wünsche an die politisch Verantwortlichen in Stadt, Land und Bund?

GENZMEHR:
Sie sollten darauf hinwirken, dass genügend bezahlbarer Wohnraum zur Verfügung steht. Ich halte es für eine Katastrophe, dass immer weniger Menschen sich eine Wohnung in Frankfurt leisten können. Ebenso dringend ist es, etwas gegen den Mangel an Pflegekräften zu tun. Ich sage hierzu immer: Zahlt sie wie Informatiker, dann haben wir in Zukunft keine Probleme mehr! Etwas anderes ist mir noch wichtig: Die Kinder in der Siedlung nenne ich meine Otto-Kinder. Wir sollten die Bedürfnisse junger Menschen ernst nehmen. Ebenso liegen mir die älteren Menschen am Herzen. Es kommt darauf an, sie als aktiven Teil unserer Gesellschaft zu begreifen.

FELDMANN: Wie geht es nach Ihrem Ausscheiden mit dem Mieterbeirat weiter?

GENZMEHR: Wir sind leider immer weniger geworden, weshalb wir die Arbeit einstellen müssen. Das hat weniger mit mir allein zu tun. Es ist ein schleichender Prozess gewesen, denn ohne all die anderen wäre es nicht gegangen. Die Leute, die bei uns mitgemacht hatten, mussten aus gesundheitlichen Gründen oder wegen des Alters aufhören. Zu Ende waren wir von ursprünglich sechs nur noch drei – und die auch nicht mehr die Jüngsten. Hinzu kam, dass wir uns wegen Corona nicht mehr zu Präsenzsitzungen treffen konnten, was die Arbeit erschwert hat. Die Aktiven aus dem Jugendbeirat konnten naturgemäß nicht in die Arbeit einsteigen, denn junge Leute ziehen immer irgendwann bei den Eltern aus. Ich habe einen Brief an die Nachbarschaft geschrieben, in dem ich mich verabschiede und das Ende unserer Arbeit bekannt gebe. Vielleicht findet sich doch wieder eine stabile Gruppe, welche die Arbeit wiederaufnimmt. Denn eine gute Nachbarschaft ist im Interesse aller. Und sicherlich werde ich mich weiterhin einbringen, wenn mir etwas in der Siedlung auffällt. Aber den bisherigen Umfang der Arbeit kann ich nicht mehr aufrechterhalten.

FELDMANN: Im Namen der Stadt bedanke ich mich bei Ihnen für Ihre engagierte und vorbildliche Arbeit. Dazu drücke ich die Daumen, dass sich doch noch einige aktive Nachbarn finden. Denn dieses Engagement ist im Interesse aller, die dort wohnen.

(Text: PM Stadt Frankfurt)

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