Pflegefachkraft: Auf die Persönlichkeit kommt es an

136
Die Gesundheits- und Krankheitspflegerinnen Helena Kaul (links) und Xenia Nad mit Pflegedienstleiter Frank Schmitz. (Foto: Asklepios)

Nach der Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin arbeiten Helena Kaul und Xenia Nad jetzt in der Asklepios Klinik für Psychische Gesundheit in Langen. Bereut haben sie ihre Entscheidung nicht.

Wenn Helena Kaul und Xenia Nad von ihrer Arbeit erzählen, merkt man ihnen an, dass dies für sie mehr ist als nur ein „Job“. Ganz bewusst hätten sie sich für ihren Beruf entschieden, sagen die beiden Frauen. In diesem Jahr schlossen sie ihre dreijährige Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin ab; seit Oktober sind sie in der Asklepios Klinik für Psychische Gesundheit in Langen tätig. Mit dem 2020 in Kraft getretenen Pflegeberufegesetz wird künftig die Berufsbezeichnung „Pflegefachfrau/Pflegefachmann“ eingeführt. Sie ersetzt die früher üblichen Bezeichnungen Krankenschwester/Krankenpfleger oder Gesundheits- und Krankenpflegerin/-pfleger. Mit dem Gesetz wurde die Ausbildung außerdem breiter aufgestellt. Kaul und Nad hätten nach dem Staatsexamen, mit dem ihre Ausbildung endete, auch eine Stelle in der Altenpflege oder in einer somatischen Klinik wählen können. Doch für beide war klar, dass sie in der Psychiatrie tätig werden wollten.

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wie Kaul und Nad kann Frank Schmitz, der Pflegedienstleiter der Asklepios Klinik für Psychische Gesundheit, gut brauchen. Tätigkeiten in der Pflege seien ein „Mangelberuf“, sagte Schmitz. Für Kliniken werde es immer schwieriger, genügend Pflegepersonal zu finden. Gleichzeitig müsse man neue gesetzliche Regelungen einhalten, die vorsähen, mehr examinierte Kräfte als früher einzusetzen. Dies bedeute, dass man zusätzliche qualifizierte Mitarbeiter einstellen müsse. Viele Menschen, die einen Pflegeberuf anstrebten, könnten sich zwar eine Tätigkeit in einem klassischen Krankenhaus, in der Altenpflege oder in der ambulanten Pflege vorstellen. Die psychiatrische Pflege hätten aber nur wenige „auf dem Schirm“. Dabei sei dies ein anspruchsvolles und interessantes Arbeitsgebiet.

Kaul und Nad können das bestätigen. Beide hatten die Psychiatrie von Anfang an als künftigen Arbeitsplatz vor Augen. Während ihrer Ausbildung am Asklepios Bildungszentrum für Gesundheitsfachberufe in Dreieich kamen sie auch an der Asklepios Klinik Langen mit ihren somatischen Abteilungen und im ambulanten Pflegedienst zum Einsatz. Als Schwerpunkt wählten die beiden Frauen jedoch die psychiatrische Pflege mit den entsprechenden Ausbildungsblöcken an der Asklepios Klinik für Psychische Gesundheit. Nach den Worten von Schmitz dauerte die praktische Ausbildung in der Psychiatrie früher fünf Wochen. Mit dem neuen Gesetz wurde der dortige Pflichteinsatz, der innerhalb der dreijährigen Ausbildung zu absolvieren ist, auf drei Wochen verkürzt. Angehende Pflegefachkräfte, die sich für eine spätere Tätigkeit in der Psychiatrie interessieren, können ihre Ausbildung in der Asklepios Klinik für Psychische Gesundheit auch über die drei Wochen hinaus vertiefen. Kaul und Nad nutzten diese Möglichkeit.

Ursprünglich hatte Kaul daran gedacht, nach dem Abitur Psychologie oder Soziale Arbeit zu studieren. Bei einem Praktikum in der Langener Psychiatrie stellte sie jedoch fest, dass sie die psychiatrische Pflege stärker reizte als eine Tätigkeit als Sozialarbeiterin oder Psychologin. Die heute 23 Jahre alte Frau aus Rüsselsheim entschied sich für die Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin. Ihre Kollegin Nad tat dies aus anderen Gründen: Sie hatte im privaten Umfeld schon mit Menschen zu tun, die an einer psychischen Erkrankung litten. Dabei merkte sie, „wie wichtig es ist, Menschen in solchen Situationen zu unterstützen“. Die Erfahrung, dass dies nicht immer in hinreichendem Maße geschieht, gab für die heute 27 Jahre alte Frau aus Dreieich den Ausschlag für ihre Berufswahl. Viele, die sich für den Schwerpunkt psychiatrische Pflege interessierten, hätten mit dem Thema schon einmal Berührungspunkte gehabt, sagte Kaul.

Über fünf Stationen mit 112 Betten verfügt die Asklepios Klinik für Psychische Gesundheit in Langen. Zwei Tageskliniken mit 25 Plätzen in Langen und 18 in Seligenstadt gehören ebenso dazu wie zwei Institutsambulanzen, die ebenfalls diesen beiden Städten zu finden sind. Versorgt werden psychisch Kranke vor allem aus dem Kreis Offenbach. Die Klinik beschäftigt mehr als 160 Menschen. Davon sind rund 100 in der Pflege tätig; das entspricht 80 Vollzeit-Stellen. Pro Jahrgang kommen sechs Auszubildende zur Pflegefachkraft hinzu, insgesamt also 18. Sie lernen dabei die gesamte Klinik mit ihren unterschiedlichen Tätigkeitsfeldern kennen. Das galt auch für Kaul und Nad: „Wir können jetzt hier überall arbeiten“, machte Kaul deutlich. Derzeit ist sie auf der geschlossenen Akutstation tätig. Nad kümmert sich um die Patienten der Station 5; dort werden vor allem Menschen mit Psychosen behandelt.

In der Psychiatrie sei man „näher am Patienten“, sagte Nad. Man habe einen „tieferen Blick“ auf den Menschen, weil man auch seine Geschichte kenne. Man betrachte nicht nur ein bestimmtes Körperteil, das zu heilen sei. Ärzte, Pfleger und Sozialdienst arbeiteten eng zusammen; man sehe und behandele „den Patienten im Ganzen“. Beide Frauen schätzen die vielen Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten in der Psychiatrie: „Man lernt nie aus.“ Als Beispiele nannte Nad das Entspannungsverfahren der Progressiven Muskelrelaxation (PMR) nach Jacobson oder die Aromapflege, bei der unterschiedliche Düfte zum Einsatz kommen. Die Aromen sprechen Rezeptoren im Gehirn an und wirken auf psychisch kranke Menschen beruhigend oder auch antriebssteigernd. In Abstimmung mit den Ärzten und angeleitet von den Pflegekräften lernen die Patienten, damit umzugehen. Ziel sei, dem Kranken etwas für den Alltag mitzugeben, damit er sich zu Hause in einer Krisensituation selbst helfen könne, ohne gleich auf Medikamente zurückzugreifen, erläuterte Schmitz.

In der psychiatrischen Pflege könne man auf vielfältige Weise mit den Patienten arbeiten, machten Kaul und Nad deutlich. Einen Patienten, der sich das Bein gebrochen habe und deswegen im Krankenhaus behandelt werde, sehe man nach der Entlassung nicht wieder. Viele psychisch Kranke kämen hingegen über Jahre immer wieder in die Klinik. Nach Kauls Worten entsteht dadurch ein ganz anderes Verhältnis zu ihnen: „Hier könnte ich über alle Patienten, die ich im Moment auf Station habe, etwas sagen, wie es bei ihnen privat aussieht“. Empathie und Sympathie spielten in der Psychiatrie eine ganz große Rolle, sagte Schmitz. Jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter wirke durch ihre oder seine Persönlichkeit. Wichtig sei, eine Beziehung zum Patienten aufzubauen: „Der Patient muss uns vertrauen.“

Entstehen durch diese größere persönliche Nähe nicht Belastungen für das psychiatrische Pflegepersonal? „Man hat hier mit vielen Schicksalen und auch mit traurigen Dingen zu tun, aber man lacht auch viel mit den Patienten“, sagte Kaul. Selbst jemand, der an einer Depression leide, „muss nicht den ganzen Tag weinen und im Bett liegen.“ Die positiven Dinge, die sie erlebe, nehme sie mit nach Hause; „die negativen Erlebnisse versucht man hierzulassen.“ Das gelinge ihr ganz gut. Schmitz wies auf die klassische Supervision für die Mitarbeiter hin, bei der belastende Erfahrungen thematisiert werden könnten. Mit den Patienten arbeite immer ein multiprofessionelles Team, dem Ärzte, Psychologen, Sozialarbeiter, Fachtherapeuten und Pflegefachkräfte angehörten. Im Stationsalltag tausche man sich auch intensiv mit den jeweils anderen Berufsgruppen aus, was gerade in Belastungssituationen helfe.

Dass sie im Schichtdienst mit wechselnden Arbeitszeiten eingesetzt werden, empfinden Kaul und Nad nicht als Nachteil. Kaul mag vor allem den Spät- und Nachtdienst. Auch Nad schätzt es, „variabel und flexibel“ arbeiten zu können. Sie habe ein Kind; da passe ihr den Spät- und Nachtdienst am besten. Würden die beiden Gesundheits- und Krankenpflegerinnen anderen Menschen, die einen Pflegeberuf anstreben, zuraten, in die Psychiatrie zu gehen? Nicht jeder sei für jeden Beruf gemacht, sagte Kaul. Wenn jemand aber über Empathie verfüge und einen „Rundumblick“ habe, würde sie immer empfehlen, es einmal zu probieren. Die Vorbehalte vieler Menschen gegen eine Tätigkeit in der Psychiatrie führte sie auf längst überholte Vorstellungen zurück, wie es in einer Psychiatrie aussehe. Dabei habe sich dort in den vergangenen Jahrzehnten sehr viel verändert. Das überkommene Bild trage zur Scheu bei, über eine Tätigkeit in der Psychiatrie nachzudenken: „Das finde ich schlimm.“

Nicht nur vor der Asklepios Klinik für Psychische Gesundheit in Langen liegt die Aufgabe, die schon spürbare, in Zukunft aber noch größer werdende Personalknappheit in der Pflege zu bewältigen. Schmitz rechnet damit, dass sich die Krankenhäuser aller Fachrichtungen in den nächsten Jahren „um das Personal auf dem Markt streiten“ werden. Derzeit sind so gut wie alle Stellen in der Pflege an der Langener Psychiatrie besetzt. Die Bezahlung für die Pflegekräfte im Krankenhaus habe sich in der Vergangenheit deutlich verbessert, hob Schmitz hervor. Kaul verwies auf einige ihrer Freunde; die hätten studiert und bekämen „als Einstiegsgehalt weniger als ich“.

(Text: PM Asklepios Klinik für Psychische Gesundheit Langen)